Kriminalromane wollen aber, wenn sie literarischen Anspruch haben, auch Romane der Verunsicherung sein. In seiner Studie „America is elsewhere – The Noir Tradition in the Age of Consumer Culture“ hat Erik Dussere von der American University in Washington D.C. den amerikanischen Noir als Antwort auf die Konsumgesellschaft interpretiert. Hinter der Kritik, die Noir-Autoren mit ihren Krimis zeigen, steht die Negation eines kapitalistischen Amerikas, in dem gesellschaftliche Teilhabe allein über Konsum definiert wird. Die Kriminalromane sind eines der letzten Medien, in denen – auch wenn oft nur sehr vage – in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften Kritik an den Verhältnissen geübt wird. Der Noir kritisiert die amerikanische Identität im Zeitalter der Konsumentenkultur und Warenästhetik.

Die Globalisierung verstärkt das. Sie bedeutet den Siegeszug eines Gesellschaftsmodells, das seinen Ursprung in Amerika hat. Das amerikanische Modell der Konsumgesellschaft findet sich heute überall in der Welt. Ob in der Volksrepublik China, in der Bundesrepublik Deutschland oder in Zentralafrika: Es sind dieselben Firmen, die in den überall gleich aussehenden Einkaufstempeln dieser Welt ihre Waren anbieten. Die Globalisierung des amerikanischen Wirtschaftsmodells trägt – wenn das Sein das Bewusstsein mitbestimmt – maßgeblich dazu bei, dass – frei nach Brecht – in diesen Zeiten „auch der Kriminalroman von den Amerikanern beherrscht wird.“

Selbstredend gibt es trotz der Globalisierung kulturelle Unterschiede. Ein Kriminalroman aus Japan liest sich auch heute noch anders als einer aus den Vereinigten Staaten oder aus Frankreich. Nur: das erzählerische Grundmuster ist ähnlich. Die Gesellschaft, in der die Geschichten stattfinden im Kern eben auch. Selbst der hochgelobte französische Noir steht in seiner Entwicklung im internationalen Kontext keineswegs alleine da. Seine Wurzeln im amerikanischen „Hard-boiled“-Krimi sind klar belegt. Auch der skandinavische Krimi, der in Deutschland bis heute hohes Ansehen und eine Ausnahmestellung genießt, ist nicht mehr als eine Krimi-Gattung, die die aus Amerika kommenden Grundsätze übernommen hat. Dass die englische Sprache als globale Sprache diesen Trend zusätzlich verstärkt, soll hier nur am Rande vermerkt bleiben.

Auf dem Weg zu einer neuen, globalen Kultur

Der Siegeszug des amerikanischen Kriminalromans ist nicht das letzte Aufbäumen des US-amerikanischen Imperialismus. Es ist Zeichen für das Aufziehen einer neuen, globalen Kultur, die von amerikanischen Fernsehserien wie „Dallas“ bis zum literarischen Thriller die regionalen Kulturen weltweit überlagert. Vom „Boten einer neuen globalen Kultur“ spricht John G. Cawelti, einer der renommierten amerikanischen Forscher über populäre Literatur. Coca Cola, Blue Jeans, Starbucks, Apple, Google, Facebook und gesichtslose Shopping Malls sind die eine Seite der Medaille; auf der anderen steht die Ästhetik des amerikanischen Kriminalromans, die der Kriminalliteratur in immer mehr Ländern der Welt den konzeptionellen und ästhetischen Rahmen bietet, mit eigenen authentischen Helden der Konsumentenkultur entgegenzutreten, die mit der Globalisierung ihren Siegeszug um den Globus angetreten hat.

Dussere hat für sein Buch nicht ohne Grund ein Szenenfoto aus dem Billy-Wilder-Film „Double Indemnity“ (deutsch: „Frau ohne Gewissen“) von 1944 als Cover gewählt. In dem Film, der auf einem Roman von James M. Cain aus dem Jahr 1935 beruht und dessen Drehbuch Raymond Chandler geschrieben hat, geht es um einen Versicherungsbetrug und um einen Mord. Um die Planung des Mordes geheim zu halten, treffen sich die Frau, Phyllis Dietrichson (gespielt von Barbara Stanwyck) und der Versicherungsvertreter Walter Neff, der schließlich zum Mörder wird (gespielt von Fred MacMurray), ausschließlich im Lebensmittelmarkt und telefonieren nur über Telefonzellen – ein Sinnbild für den Konflikt zwischen authentischem Individuum und Konsumgesellschaft.

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