In dem gesellschaftlichen Rahmen, in denen die Helden der Kriminalromane nun agieren, muss der Kampf des Detektivs um Recht und Gerechtigkeit am Ende vergeblich sein. Chandlers Privatermittler, Philip Marlowe, handelt in allen sieben Romanen, die Chandler geschrieben hat, aus der Rolle des Underdogs. In einer Welt, die letztlich vom Verbrechen und von korrupten Eliten regiert wird, hält er als einsamer Wolf Traditionen und eine Rechtschaffenheit hoch, die er dem verrotteten System entgegensetzt. Die Lektion des amerikanischen Noir ist einfach: Abenteuer in der modernen westlichen und kapitalistischen Gesellschaft sind kriminell. In der Unveränderbarkeit der korrupten Gesellschaft, bleiben nur noch die internen Bindungen, wenn sich Menschen ihre Authentizität bewahren wollen.

Der Western war das große Vorbild

Doch aus welchen Wertvorstellungen speisen sich diese moralischen Maßstäbe, die die einsamen Kämpfer im amerikanischen Noir in Ehren halten? Wohl kaum jemand hat die Ursprünge des „Hard-boiled“ so klar herausgearbeitet wie der Kriminalschriftsteller Robert B. Parker. Er steht mit seinen erfolgreichen Krimis um den New Yorker Privatdetektiv Spenser nicht nur als Autor in der Tradition Hammetts und Chandlers und wird oft als einer ihrer Erben bezeichnet. Vorbild für die aufrechten Helden des Noir, die sich ihre moralische Integrität und Authentizität in einer „verdorbenen“ Umgebung bewahren, ist Natty Bumppo, der Lederstrumpf in den Western des James Fenimore Cooper. Das schreibt Parker als einer, der das Genre auch von außen betrachtet hat, in seiner 1971 veröffentlichten Doktorarbeit über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Lederstrumpf verkörpere die „wahre amerikanische Seele“.

Wie richtig diese These Parkers ist, lässt sich leicht zeigen. Wer Dashiell Hammetts Kriminalroman „Red Harvest“ liest, wird schnell sehen, wie leicht sich dieser Kriminalroman mit wenigen Schritten in einen Western umschreiben ließe. Wenn Pferde aus den Autos und aus den alten Flinten Maschinengewehre werden, würde „Red Harvest“ schnell ein knallharter Western werden mit einem Außenseiter, der in einer korrupten Stadt aufräumt. Auch heute findet sich dieses Muster immer wieder – auch in Matthew F. Jones’ Krimi „Ein einziger Schuss“, der in diesen Tagen auf Deutsch im Hamburger Polar Verlag erschienen ist. John Moon, der Held des Romans, verkörpert genau diesen Typ des authentischen Menschen, der an einer Gesellschaft zerbricht, in der Banken seiner Familie und ihm die Farm genommen haben, auf der sie seit Generationen lebten. Moons Gegenmodell: Auch er träumt von den amerikanischen Pioniertagen, als Land noch einfach in Besitz genommen werden konnte von denen, die es am besten bewirtschaften konnten.

Krimiautoren schreiben in amerikanischer Sprache

Dass sich der amerikanische „Hard-boiled“-Krimi mit seinen erzählerischen Strukturen global durchsetzte, liegt auch am Gang der Geschichte mit ihrem der Siegeszug des Kapitalismus im Westen und nach dem Ende des Kolonialismus und dem Zusammenbruch der Sowjetunion schließlich mit der Globalisierung in der ganzen Welt. Auch Parker fragt sich in seiner Doktorarbeit, ob der „Hard-boiled“ nur ein amerikanisches Phänomen sei und zitiert in seiner Antwort schließlich James Orwell über die Krimischriftsteller dieser Zeit: Sie schreiben „in amerikanischer Sprache“.

Das heißt nicht, dass es nicht in großer Zahl auch andere Kriminalromane gebe. Im Gegenteil: Kriminalliteratur ist auch heute oft noch gefällige Ablenkungsliteratur. In Zeiten der wirtschaftlichen und politischen Verunsicherung suchten die Menschen nach der heilen Welt (des Gestern). Wer mit Autoren oder – vor allem – mit Literaturagenten oder Verlagslektoren spricht, der hört oft, dass diese Art von Literatur am Markt die besten Chancen habe. Es ist das Erfolgsrezept vieler – vor allem deutschsprachiger – Autoren. Wer im Leben nicht mehr viel zu lachen hat, will wenigstens zuhause bei der Lektüre entspannt schmunzeln und sich die Illusion der heilen Welt bewahren.

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