Und zu Gewalt und zu Frauen und zu einem verzweifelten Lifestyle des Gefährlichen, des politisch Nicht-Korrekten, wo man die tollsten Frauen mit einem zynischen Lächeln abfahren lassen kann (Sie merken schon, ich verorte diese Rezeptionshaltung eher bei Männern, weiß auch nicht, wie ich darauf komme). Der auf irgendwelche Texte aufgeklebte Noir-Sticker katapultiert den harmlosesten Germanistikstudenten und herzensgütigsten Buchhändler in die Welt des Opaken, Outsiderhaften, macht aus dem pickligen Jüngling den Bad-Boy-Womanizer, harten Trinker und Dauerquarzer und vor allem den letzten der finstersten Existentialisten. Mit anderen Worten: Wer Noir ganz toll findet, weiß Bescheid, weiß, wie es zugeht auf der Welt, weiß, wie der Hase läuft. So gesehen wäre der Noir die vitalistische Quelle, eine psychologische Wellness-Oase, ein Schaumbad für die von den Zwängen der bürgerlichen Existenz gequälten Seele, die aber genau diese Existenz nicht auf´s Spiel setzen will.

Das ist die karikaturhafte Variante, an der aber trotzdem etwas dran ist. Anders lässt sich die Exaltation eines Begriffs schwer erklären, der ja immerhin ein paar Implikationen hat: Zumindest ist er teleologisch, denn wenn der Noir die Ausweglosigkeit der menschlichen Existenz immer wieder umschreibt, ohne Hoffnung, ohne Utopie, selbst ohne „Vorschein“, dann ist er genauso monolithisch wie andere Konzepte, die, was auch immer, die Erlösung, den Staat Gottes auf Erden, den „wissenschaftlichen Kommunismus“, den Nationalstaat oder sonstige Konstrukte als Ziel der Geschichte ausgemacht haben. Für Brechungen, Improvisation, produktives Chaos ist da kein Platz, alles läuft mechanisch auf ein Ende zu. Der so verstandene Noir verträgt keine Komik, er will seine Depression nicht verstören lassen. Und die Politik kann er ganz vergessen, sie führt sowieso schnurstracks in die Hölle.  Das ist ein schon sowieso prekäres Konzept bei den wirklichen Größen des Noir – Derek Raymond etwa hat bei aller Dunkelheit immer auf Brechungen Wert gelegt, was ihn nicht zu einem Noir-Fließbandproduzenten (natürlich gibt es eine „Noir“-Industrie) macht, sondern zu einem großen Schriftsteller.

Umso unbehaglicher also, wenn Noir als Label allmählich zum Spielgeld wird, semantisch leer, ein Etikett für die Wiederkehr des Immerdumpfen.

 

Thomas Wörtche © 07/2017

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