Auch wenn zunehmend Grauwerte auf dem moralischen Feld einziehen: Weiß kann von Gangstern gespielt werden, schwarz von Cops, eine Variante, die wir besonders aus Südafrika oder Australien kennen – die Sympathieverteilung folgt inzwischen schon fast ad libitum, obwohl sie natürlich immer an reale Bedingungen gebunden ist. Wenn Polizei so korrupt ist, wie sie in vielen Gesellschaften nun einmal ist, dann kann auch die Gegenseite weiß sein. Man kann sogar Zug gegen Zug spielen, wenn nur noch – ideologisch gesehen – Schwarz-Werte sinnvoll erscheinen, wie das gerade der Däne Carsten Jensen mit seinem Meisterwerk „Der erste Stein“ vorgeführt hat. Und das ist ein klassischer Polit-Thriller aus Afghanistan, der die totale ethische Zerrüttung der Welt betreibt, Zug um Zug. Anscheinend funktioniert böse gegen böse, nicht-gut gegen nicht-gut genau so, schwarz mit roter Bauchbinde gegen schwarz mit grüner Bauchbinde. Selbst wer dann am Ende gewinnt, einer oder keiner, ist dann letztlich egal und nur autoritäre Charaktere fordern eindeutige Lösungen und sind frustriert. Obwohl das Prinzip auch prächtig ohne sinnhafte Aufladungen funktioniert. Was bleibt, ist das antagonistische Prinzip, das selbst noch in den halluzinatorischsten Konzepten wie bei Jerome Charyns „Winterwarnung“ oder Gary Victors Polit-Krimis aus Haiti Bestand hat. Wenn auch tausendfach gebrochen.

Die Erzählstrategie scheint also haltbarer als ihre politisch-ideologische Basis. Vielleicht hat man ja lange etwas verwechselt: Der Kalte Krieg (oder schon vorher die politischen Konstellationen, die für den Ersten Weltkrieg relevant waren und bei frühen Politthriller-Autoren wie William Le Queux, Erskine Childers oder John Buchan) mit seinem Freund/Feind-Schema schob sich, zumindest für westliche Leser oder je nach Konsens-Quotient, passgenau über die Schachmetapher. So entstand der Eindruck, er hätte sie möglicherweise generiert. Aber nachdem sich die Geschichte weiterbewegt hat, wird sichtbar, dass man dieses Schach auch ohne konsensuale Ideologie spielen kann. Womöglich noch intensiver, noch virtuoser, noch raffinierter. Nicht die Welt strukturiert die Erzählung, sondern die Erzählung die Welt. Immer anders, immer variabler, immer dynamisch.

Aber ach, Erzählungen strukturieren zwar unsere Wahrnehmung von Welt, aber die Welt schert sich nicht allzu sehr darum. Sie widersteht. Und daraus kann Frust entstehen, weil genau an dieser Stelle der Widerspruch schmerzhaft deutlich wird. Der Kalte Krieg ist vorbei und damit seine gemütlichen narrativen Muster – aber eben nur so weit, als sie diesen Konflikt abgebildet haben. Jetzt beschäftigen sich die gleichen Muster mit neuen Gegebenheiten – und dann scheinen sie uns plötzlich untauglich? Dabei sind sie doch nur ein bisschen komplexer geworden, so wie die Welt auch. Freuen wir uns deswegen so auf den guten alten Smiley? Kommt daher der anscheinend dauerhafte Wunsch nach der Wiederkehr des Immergleichen, das misstrauische Beäugen neuer Konzepte, die nicht mehr dem gewohnten kriminalliterarischen Millimeterpapier entsprechen?

Oder ganz anders rum: Wenn Smiley wiederkehrt und alte Muster wieder beliebt werden, deuten sich da auch neue Kalte Kriege an? Neue politische Eindeutigkeiten mit immer mehr Protagonisten? War das Ende des Kalten Kriegs nur der Anfang eines neuen, so wie der Zweite Weltkrieg nur eine Art Fortsetzung des Ersten war und ohne ihn nicht zu denken? Ist das literarische Spion-gegen-Spion-Spiel nur der literarische Ausdruck einer ewigen Kette von Antagonismen, die immer wieder aufbrechen? Von wegen: Kultur, Kunst, Literatur dämpfen?

Oder nochmal anders rum: Die guten alten Schachbrett-Romane, je ausgefuchster und intelligenter sie sind, ob sie von Len Deighton stammen, von Gavin Lyall oder Jenny Siler, haben einen hohen Vergnügungsfaktor – jenseits abstrakter Theorie. Das gilt heute auch für Andreas Pflüger oder Christian von Ditfurth, weil die Kombination von Welthaltigkeit und Erzählkunst im Moment der Lektüre ein seltsam wollüstiges Gefühl auslösen kann und intellektuelles Vergnügen bereitet, das zwar subjektiv ist, sich aber ziemlich gut in jede Vorstellung von Objektivität einbinden lässt. Schon wieder zu abstrakt? Dann lest doch einfach  …

 

Thomas Wörtche © 05/2017

zurück