Verwirrend ist die Welt auch in Denis Johnsons „Die lachenden Ungeheuer“. Im Jahr 2013 kommt Roland Nair nach Freetown, Sierra Leone, um einen alten Bekannten zu treffen, den aus Uganda stammenden US-Army-Angehörigen Michael Adriko. Der tatsächliche Grund für das Treffen bleibt im Unklaren, sie behaupten beide, der jeweils andere hätte ihn kontaktiert, sie bauen auch beide darauf, dass der jeweils andere einen Plan hat – und sind sich sehr einig darüber, dass sie dringend viel Geld verdienen sollten. An ihr Treffen schließt sich dann eine wahnwitzige Reise durch Ostafrika an, die nach Uganda, in den Kongo und nach Ghana führt und im Senegal endet. Oder in Kamerun, man weiß es nicht genau. Erzählt wird nämlich alles von dem in der Regel betrunkenen Ich-Erzähler Roland Nair, der sich von Anfang an als unzuverlässig erweist – und im Verlauf des Buchs immer deliranter und unzuverlässiger wird. Er beschreibt die Treffen und verfasst Mails und Briefe an seine Freundin, gelegentlich auch an Adrikos Verlobte und Reisegefährtin Davidia, in die er sich verliebt hat, oft weiß er aber auch nicht, an wen er gerade schreibt. Dadurch schält sich sukzessive das Bild heraus, dass Nair für seinen Arbeitergeber, den Geheimdienst der NATO, Berichte über Adriko verfasst, ihn aber gleichzeitig hintergehen will, indem er Karten von einem Kommunikationsnetz der US Army in Afrika verkauft. Dazu lässt er sich von Adriko in ein Geschäft mit spaltbarem Material verwickeln, das gefälscht ist – wovon aber US Army und vermutlich der Mossad nichts wissen, weshalb sie Adriko verfolgen.

Johnsons Ostafrika ist ein völlig unübersichtlicher Teil der Weltkarte geworden. Durch Kolonialmächte und Geheimdienste ist dort alles durcheinandergeraten, jeder folgt nur noch seinen eigenen Interessen und sichert sein Überleben. Es gibt weder Loyalitäten noch Zugehörigkeiten, vielmehr scheint jeder potentiell mindestens ein doppeltes Spiel zu treiben. Dabei spiegeln Erzählstruktur und Sprache dieses Durcheinander hervorragend wider, hier ist alles eine Täuschung, gibt es nur noch Lügen und Verschleierungen. Noch nicht einmal die Realität ist, wie Adriko einmal sagt, eine Tatsache.

James Grady und Denis Johnson reduzieren bekannte Erzählmuster auf ihren Kern und entwickeln eine Sprache, die paranoid und delirant ist. Deshalb sind ihre Bücher moderne Politthriller, in denen die Unübersichtlichkeit der Welt literarisch gefasst ist. 

Sonja Hartl © 05 2017

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