Ganz vom Geiste des britischen Imperialismus geprägt, hat Childers in seinem Büro die deutsche Flottenrüstung unter Kaiser Wilhelm II. mit wachsender Sorge beobachtet. Die vom Burenkrieg in Südafrika ermattete Öffentlichkeit, auch die politische Elite, die er in London Tag für Tag aus nächster Nähe erlebte, schienen in seinen Augen unfähig und unwillig, mehr Mittel für die Verteidigung des Empire aufzubringen. Was tut ein eminent politischer, aber im politischen Betrieb nicht übermäßig einflussreicher junger Mann? Childers beschloss, einen alarmistischen Roman zu schreiben. Die Idee zum ersten Polit-Thriller war geboren.

Die Grundidee ist einfach und folgt der typischen manichäischen Konstellation: Licht und Finsternis, Gut und Böse ringen miteinander. Am Ende triumphiert das Licht. Der mächtige Feind, der auf der Lauer liegt, war für Childers das deutsche Kaiserreich. Verschlafene Dummköpfe im Regierungsviertel vernachlässigten trotz der Bedrohung die Verteidigung der Nordsee. Die Helden der Geschichte decken im Rätsel der Sandbank die deutschen Vorbereitungen zur Invasion auf. Der Plot ist nicht sonderlich kompliziert; die Handlung mündet zielsicher in der Aufdeckung finsterer deutscher Absichten und in entsprechenden Warnungen.

Eric Ambler sah im Rätsel der Sandbank nicht nur das Muster für den idealtypischen Polit-Thriller. Er lobte es auch als eines der schönsten Bücher über kleine Segelboote, das je geschrieben wurde. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein junger Diplomat namens Carruthers wird von einem Freund zu einem herbstlichen Segeltörn in deutschen Gewässern eingeladen. Dieser Freund, Davies, hat eine kleine Segeljacht, die Dulcibella. Erst nach einiger Zeit, als sich Carruthers langsam an das enge Leben an Bord, an den Geruch von Öl und Salzwasser und das deutsche Herbstwetter gewöhnt hat, beichtet Davies dem Freund die Wahrheit. Er ist auf Spionagefahrt, den sprachkundigen Freund hat er nur gelockt, um einen ordentlich Deutsch sprechenden Dolmetscher zu haben.

Natürlich haben diese beiden edlen Briten, die die Kriegsvorbereitungen Deutschlands ausspionieren wollen, auch Gegenspieler. Die sind ebenfalls mit ihren Jachten vor der ostfriesischen Küste unterwegs. Da sind der eigentlich ganz sympathische deutsche Marineoffizier von Brüning, ein mit ihm befreundeter Wasserbau-Ingenieur (der für die technische Kraft des Deutschen Reiches stand, die damals viele Briten zwischen Bewunderung und Erschrecken schwanken ließ) und – last but not least – Dollmann. Dollmann ist ein ehemaliger Offizier der Royal Navy, mit einer Deutschen verheiratet und hat eine reizende Tochter, mit der Carruthers eine züchtige Romanze hat. Und er ist der eigentliche, der wahre Bösewicht.

Dollmann durchschaut Davies schnell als britischen Spion. Natürlich versucht er, ihn loszuwerden. Er lockt ihn im Sturm in eine gefährliche Fahrrinne. Er hofft, dass die beiden Engländer in der Strömung kentern. Childers’ Zeitgenossen Karl May und James Fenimore Cooper und ihre Abenteuergeschichten aus dem Wilden Westen lassen grüßen: Es gibt immer wieder Bedrohungen von außen durch Sturm und Unwetter, es gibt verdeckte Angriffe der Bösen – und immer wieder ein knappes Entkommen.  Bis zum Happy End. Dollmann, der Verräter, richtet sich am Ende selbst. Seine Invasionspläne – von Ostfriesland aus sollte eine Flotte mit flachen Schiffen die Eroberung Englands starten – sind öffentlich gemacht und damit nicht mehr gefährlich.

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