Für den Weg nach unten in die Stadt brauchte er zwanzig Minuten. Er fand ihn trotz der Dunkelheit. Es war derselbe Weg, den er als Kind gegangen war, auch damals oft im Dunkeln. Er blickte auf die Lichter der Stadt. Es waren mehr geworden und er versuchte, sich zu erinnern, was er früher bei ihrem Anblick empfunden hatte. Aber etwas in ihm, von dem er gedacht hatte, er würde es wiederfinden, war nicht mehr vorhanden.

In den Gummibäumen auf der Plaza hingen ein paar Lichter, und in der Bar war Betrieb. Er erkannte einen der Kellner, mit dem er befreundet gewesen war, aber der Mann erkannte ihn nicht. Er setzte sich so, dass er ihn beobachten konnte, sah, wie alt der andere geworden war, und dachte darüber nach, was er selbst wohl jetzt tun würde, wenn er nicht von der Insel weggegangen wäre. Er wusste nicht mehr, wie viele Menschen er getötet hatte, aber jedenfalls hatte er keinen von denen gekannt. Ihr Tod hatte ihm viel Geld eingebracht, und sie waren ihm gleichgültig geblieben. Nun war er zurückgekommen, weil er gedacht hatte, er würde etwas wiederfinden, von dem er die ganzen Jahre geglaubt hatte, es sei wichtig. Er fand aber nicht, was er suchte, weder beim Anblick der vertrauten Gebäude noch der vertrauten Gesichter.

Er blieb lange in der Bar und ging erst spät in der Nacht zurück ins Hotel. Die in den Bergen am Rand der Stadt angeketteten Hunde kläfften wie früher. Vielleicht würden seine Gefühle wiederkommen, wenn es Tag wäre. Dunkel  erinnerte er sich an eine bestimmte Art von Licht, das vor dem Sonnenuntergang die Hauswände rosa gefärbt hatte und das ihm als Kind ungewöhnlich schön erschienen war.

Sein Schlaf war unruhig. Es schien ein paar Mal, als rückten die Wände und die Möbel des Zimmers näher, aber wenn er die Augen öffnete, sah er die elegante Einrichtung an ihrem Platz.

Nachmittags um fünf betrat er den Speisesaal. Er war allein mit dem Mädchen vom Vorabend. Während sie an seinen Tisch kam, der Speisesaal war groß und sie verschwand fast hinter den schweren, geschnitzten Stühlen, zog sie unter ihrer Schürze eine Zeitung hervor und legte sie neben sein Gedeck.

Ich hab die Zeitung für Sie genommen, sagte das Mädchen.

Er dachte, dass er das Foto auf der Vorderseite jetzt nicht ansehen sollte und bestellte Kaffee, ohne die Kleine aus den Augen zu lassen. Einmal, als sie sich zu ihm umwandte, lächelte er und nickte ihr zu, und es schien ihm, als sei sie schon zutraulicher geworden. Aber dann hatte er plötzlich das Gefühl, sein Lächeln sei nur eine Grimasse, und er beeilte sich, ein ernstes Gesicht zu machen. Er wollte nicht, dass das Mädchen sich vor ihm fürchtete. Erst als er seinen Kaffee getrunken hatte, drehte er die Zeitung um. Dann sah er ihr nach. Sie war vielleicht sechzehn. Ihre Taille war sehr schmal, und ihr Hintern unter dem dünnen, schwarzen Kleid hatte genau die Form, die früher intensives Verlangen in ihm geweckt hätte.

Eine Weile blieb er reglos sitzen. Dann verstand er, obwohl er nicht hätte sagen können, weshalb, dass er gesucht hatte, was er nicht mehr finden würde, aber er blieb sitzen, bis ihm schien, als sei der Himmel vor den Fenstern rosa. Er stand auf und ging langsam den alten Weg hinunter in die Stadt.

Die schmale Straße war leer und jetzt wirklich in das rosa Licht getaucht, an das er sich erinnerte. Die Polizisten, die ihm entgegen kamen, bildeten eine Reihe. Sie hielten Waffen in den Händen. Er wusste, dass er nun die Bewegung machen müsste, die sie dazu bringen würde zu schießen. Er ging langsam auf sie zu, berührte seine Hüfte, und sie schossen. Während er auf die Straße fiel, wurde es dunkel um ihn und er dachte kurz, es wäre, als ob sie das rosa Licht erschossen hätten. Seine Zeit reichte nicht mehr aus, um zu verstehen, dass es schon sehr viel früher erloschen war.

Doris Gercke © 05/2016

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