Oder Befindlichkeiten: Die Melancholie – ja, vielleicht bei Wallander, aber „Melancholie“ ist eine derart gesamt-abendländische Disposition, schlicht eines der vier Temperamente seit Hippokrates und seit Theophrast mit Wahnsinn und später mit Kunst („Genieästhetik“) gekoppelt. Weitere Exkurse ab Dürer spar ich mir hier, einen skandinavischen Sonderfall kann ich auch da nicht erkennen.

Und selbst das banalste und trivialste Argument hilft nicht unbedingt weiter: In der Tat hatte man in den entsprechenden Ländern früh kapiert, dass üppige Übersetzungsförderung skandinavische Literatur für Verleger sehr interessant macht (was ein bisschen erklärt, warum man vermutlich noch im hintersten Fjord keinen unübersetzten Skandinavier mehr findet), aber das machen die Iren und die Franzosen und die Mexikaner inzwischen auch – ohne dass daraus Wellen würden. Und außerdem kann man wie der Teufel subventionieren, wenn das Zeug nicht gekauft wird …

Bleiben die Makro-Thesen: Nachdem Südeuropa, die deutsche Sehnsuchtsgegend seit dem 18. Jahrhundert bis zur bundesrepublikanischen Tourismusflut der 1950er und 1960er-Jahre abgenutzt war, kam der Norden dran. Zumal der Süden, die Toskana (die Grünen) und Malle & Co. (proll) keinen Distinktionsgewinn mehr abwarfen, kam „das Nordische“ wieder auf, dort wo Alk teuer und die Interieurs schick sind.  Oder urig – Wikinger und so. Was aber, im Zuge der allgemeinen Fantasy-Begeisterung, auch mit Kelten und anderen archaischen Gruppierungen mit großen Schwertern, ulkigen Hütchen, fragwürdigen Tischmanieren und vielen Körperbemalungen funktioniert. Erscheint uns Skandinavien mittelalterlicher (um nicht zu sagen: mittelerdiger, aber da müsste dann Neuseeland herhalten) und finden wir das gut?

Aber das führt von den Krimis weg – denn die sind ja im Wesentlichen politisch sehr korrekt, auch wenn sie die politischen Systeme genauso angreifen wie das ihre europäischen, afrikanischen und amerikanischen Pendants auch tun. Wenig innovativ auch, dass sie immer wieder mit Serialkillern operieren, was vermutlich (immer noch und immer wieder) der prominenteste Haken einschlägiger Narrative ist. Ein einziges Opfer ist vermutlich in auf kontinuierliches Wachstum fixierten Gesellschaften zu wenig. Und wenn das kontinuierliche Wachstum für alle noch so ideologisch propagandiert nichts mehr mit Realitäten zu tun hat, findet es zumindest dort noch ein geschütztes Biotop. Wobei man überlegen könnte, dass damit „kritisch“ gemeinte Literatur sich längst in fromme Affirmation verwandelt hat.

Soviel dürre Abstraktion, nu. Bleibt immer noch die Tatsache, dass auch ich skandinavische Serien gut finde. Weil sie einfach gut sind (abzüglich der spätimpressionistischen Pianomusik), weil vermutlich die verantwortlichen Menschen dort wagemutiger sind, freigeistiger. Und weil, jetzt vermische ich alle Kategorien und Ebenen, ich die Lichtdramaturgie schätze, die für mich exotischen Schauplätze (wie bei „Trapped“ oder „Fortitude“, letztere ist eine Produktion aus dem UK, die auf Spitzbergen spielt, aber wo ist der Unterschied?), die Schauspielerinnen und Schauspieler („Die Brücke“, „Martin Beck“, „Kommissarin Lund“), die Rollen wie zum Beispiel die aspergerische Saga Norén. Aber auch das taugt nicht zu Allaussagen, denn alle diese Qualitäten finden wir genauso in britischen Produktionen („Broadchurch“, „Happy Valley“ etc.) und, was Licht und Kamerabewegungen angeht, auch in ambitionierten deutschen Fernsehfilmen (und –serien). Was die Frage aufwirft, ob ein „Scandinavian style“ alle diese Produktionen beeinflusst oder gar überwölbt. Aber wie vertrüge es sich dann mit analogen Ästhetiken von amerikanischen Produktionen wie dem grandiosen „True Detective II“ oder mit „Sicario“ oder dem spanischen „La Isla minima“?  Eine globale Skandinavisierung? Oder eine globale Ästhetik, die eben auch in Skandinavien stattfindet?

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