Zwei Monate zuvor, im März 1989, feierte ich den tollsten Geburtstag meines vierzehnjährigen Lebens. Ich durfte meine Freunde zum Grillen am Granestausee einladen, und meine Eltern schenkten mir zum ersten Mal etwas Richtiges, die neue LP von New Model Army. Mein Bruder, der in Berlin wohnte, um sich vorm Wehrdienst zu drücken, schickte mir ein New-Model-Army-T-Shirt, und von den Großeltern und Tanten und Onkeln hatte ich mir Geld gewünscht, von dem ich mir so schnell wie möglich im Second-Hand-Laden eine Motorradlederjacke kaufen würde. Ich hatte schon eine gesehen, sie sollte fünfundvierzig Mark kosten, und die musste ich erst zusammenkriegen.

Ich hatte auch ein paar Mädchen eingeladen, darunter Silvana, weil sie in meiner Klasse war und weil sie hübsch war und weil man sich über sie erzählte, sie würde mit Jungs mehr machen als die anderen Mädchen. Wir waren nicht die Sorte Jungs, die leicht Mädchen abbekamen. Wir waren die Außenseiter. Unsportlich, schüchtern, nicht besonders attraktiv. Unsere Eltern hatten wenig Geld. Thorsten, dessen Vater arbeitslos war, seit sie Rammelsberg im letzten Jahr geschlossen hatten, fuhr immer noch mit einem alten Klapprad herum, während Typen wie Max und Marcel auf nagelneuen BMX-Rädern in die Schule gefahren kamen. Im Winter fuhren wir bestenfalls zu Verwandten nach Salzgitter zum Schlittschuhlaufen, während die anderen Skiurlaub in der Schweiz machten. Seit letztem Winter fuhren sie sogar Snowboard. Wir hatten nicht mal ein Skateboard. Thorsten war der kleine Dicke, der nur durch seine abartigen Geschichten und dummen Witze auffiel, und weil er auf Kommando rülpsen und furzen konnte. Michael hatte die größte Musiksammlung der ganzen Schule, aber sie bestand aus Punkrock, Metal und Indie, was die meisten Mädchen nicht interessierte. Cem konnte prima Schach und Skat spielen, was außer uns niemand wirklich cool fand. Jemand hatte herausgefunden, dass er seinem Vater nach der Schule immer die türkische Zeitung vorlas, weil dieser nicht lesen konnte, weshalb viele über Cem lachten. Und ich war einfach der Freak, weil ich zu groß, zu dünn, zu schlaksig war, dazu blass und rothaarig. Sie nannten mich seit der Grundschule »Feuerlöscher«, was sie zu »Löschi« verkürzt hatten, und mittlerweile rief mich sogar mein Vater so, wenn er mich ärgern wollte. Deshalb war es der tollste Geburtstag meines Lebens, denn es kamen wirklich alle, die ich eingeladen hatte. Silvana hatte mir eine Kassette aufgenommen, weil sie wusste, dass ich gern Musik hörte. Leider war es totaler Kommerzschrott, aber ich sagte nichts. Sie hatte für die Kassettenhülle ein kleines Cover gebastelt und ganz sauber alle Songs aufgeschrieben. Sie dachte wohl wirklich, ich würde INXS und Simply Red toll finden. Wir tranken zum ersten Mal Bier, blieben bis elf Uhr auf der Hütte, dann kamen nach und nach die Eltern, die sich zum Abholen hatten einteilen lassen, tranken ebenfalls Bier, tauschten Klatsch und Tratsch aus und machten sich nach einer großen Portion Kartoffelsalat auf den Heimweg. Die Eltern von Cem hatten kein Auto, er fuhr mit uns zurück in die Stadt. Auch die Eltern von Silvana kamen nicht, aber das war nicht verabredet. Wir nahmen sie ebenfalls mit. Meine Eltern verzogen etwas die Gesichter, weil Silvana in Jürgenohl wohnte und wir deshalb einen ziemlichen Umweg fahren mussten. Als mein Vater vor dem Mietshaus in der Königsberger Straße hielt, war in der Wohnung von Silvanas Eltern im dritten Stock noch Licht. Wir sahen, dass Silvanas Mutter auf dem Balkon stand. Wir hörten durch die geschlossenen Autotüren, wie sie ihren Mann anbrüllte. Wir hörten, wie er zurückbrüllte, und wie sie schließlich so laut schrie, dass man es bestimmt bis zum Rammelsberg hörte. Ich sah zu Silvana rüber. Cem saß auf dem Rücksitz zwischen uns, und er sah sie auch an. Sie hatte den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen und die Finger in die Ohren gesteckt. Meine Eltern flüsterten miteinander, ich konnte sie nicht verstehen. Dann hupte mein Vater kurz, und das Geschrei auf dem Balkon hörte mit einem Schlag auf. Dafür gingen Lichter in den anderen Wohnungen an. Silvana riss die Autotür auf, als sich meine Mutter gerade zu ihr umdrehte, um etwas zu ihr zu sagen. Sie sprang aus dem Wagen und rannte auf das Haus zu, aber wir konnten nicht sehen, ob sie hineinging.

»Das geht uns nichts an«, sagte mein Vater, und meine Mutter schüttelte den Kopf, so wie sie es tat, wenn ich mit einer hoffnungslos verhauenen Arbeit nach Hause kam.

zurück weiterlesen