Raths Ehefrau Charly, die sich gerade als nicht ganz freiwilliger Gast in der Villa Marlows aufhält, wird Zeugin. „Kleines Präsent vom Herrn Reichsminister, mit den besten Grüßen“, ruft der Feldjäger der SA dem Gangsterboss zu. Hermann Göring, einer der mächtigsten Männer in der neuen Reichsregierung, tat Johann Marlow einen Gefallen und wirft ihm dessen Erzfeind zum Fraß vor. „Charly hatte den Gangster wirklich unterschätzt“, heißt es im Roman. Marlow erklärt Charly später, warum – und damit auch gleich, wie sich organisierte Kriminalität und verbrecherischer Staat in den neuen Machtverhältnissen nach 1933 zum gegenseitigen Vorteil einrichteten:

„Der Herr Reichsminister, liebe Frau Rath, ist Morphinist. Und einer meiner besten Kunden. Natürlich hilft man sich da gegenseitig ein bisschen“, sagt Marlow.

„Und mithilfe Ihres Kunden Göring fassen Sie nun in der Berliner Unterwelt wieder Fuß“, sagt Raths Gattin. Alles ist eine Frage der Koalitionen, die man eingeht. So funktioniert die Welt.

Dennoch: Von der Vernichtung ihrer Strukturen und der Ermordung tausender sogenannter Berufskrimineller in den Konzentrationslagern der Nazis haben sich die deutschen Ringvereine nie wieder erholt. Man darf gespannt darauf sein, wie sich Rath und Marlow bis zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin durchschlagen. Dann will Kutscher seine Serie beenden.

Zum Verhängnis wurde den deutschen Gangstern nach 1933 ausgerechnet der typisch deutsche Ordnungssinn. Dadurch, dass die Ringvereine ordentlich im Vereinsregister eingetragen waren, war es für SA und Gestapo ein Leichtes, ihre Mitglieder zu finden und als Berufsverbrecher hinzurichten. Zwar finden sich in der Bundesrepublik von den 1950er-Jahren bis in die 1980er-Jahre hinein noch Ansätze für kriminelle Strukturen, die an die Ringvereine erinnern – sehr schön eingefangen in den Hamburger Kiezromanen von Frank Göhre – doch deutsche Gangster spielen im Kriminalroman hierzulande lange schon nur noch Nebenrollen. Das mag damit zu tun haben, dass organisierte Kriminalität in Deutschland auch in der Wirklichkeit längst multiethnisch geworden ist. Russenmafia und arabische Familienclans kontrollieren heute Rauschgifthandel, Glücksspiel, Prostitution, Menschenhandel und Schutzgelderpressung.

Vielleicht aber sind die Kriminalromane deutscher Autoren auch einfach zu sehr Krimis, die die Welt durch die Brille der Polizisten sehen? Es gibt bei den Figuren, die den deutschen Krimi beherrschen, kaum Grauzonen, selten wagen Autoren wirklich gebrochene Figuren. Bestenfalls haben moralisch integre Außenseiter in einer korrupten Umwelt Alkohol- oder Beziehungsprobleme. Durchweg egoistische, berechnende Charaktere, die haben im deutschen Kriminalroman (wohl auch in den Verlagen und im Buchhandel) keine Chance. Auch nicht, wenn sich die Autoren links wähnen. Lieber schreibt man über den Unterbauch der Gesellschaft als aus dem Unterbauch der Gesellschaft heraus. Gesinnungsmoral auf der einen Seite oder heiterer Polizisten-Biedermeier auf der anderen triumphieren.

Auch hier zeigt Kutscher Gegenmodelle auf. Johann Marlow ist als Alter Ego von Kommissar Gereon Rath auch deswegen eine so starke Figur in Kutschers Krimis, weil der rheinische Katholik Rath gerade nicht der weiße Ritter ist, der uneigennützig im Berliner Sumpf aufräumt und dabei moralisch sauber bleibt. „Vergaloppieren Sie sich nicht, mein lieber Rath“, sagt Marlow dem Polizisten schon am Ende des ersten Bandes, „Der nasse Fisch“ – bis heute wohl der schwärzeste Band der Serie. „Wenn wir Tacheles reden sollen, dann sollten Sie damit anfangen.“

 

Carsten Germis © 01 2017

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