Den alten Gangstern blieb Ende des Jahrhunderts nur, Unternehmer zu werden, das normale Geschäft kriminell auszubauen. Sie verlegten ihre Interessen. In die Gewerkschaften. Den Bau. Die Politik. Weniger ließen sie ihre Schläger durch die Straßen von Laden zu Laden ziehen, um ihren Schutz anzubieten, als dass Gefälligkeiten gewährt und eingesammelt wurden. Das nahm den Gangster aus den Schlagzeilen, auch wenn zwischendurch immer wieder einer versuchte, an die gute alte Tradition anzuknüpfen. Allesamt ein kulturelles Schattengeschäft.

So wird der Gangster Mitte der 1980er vom Dealer abgelöst. Zwar kriminaltechnisch, wikipediakonform mit ihnen in einen Topf geschmissen, aber der Typus Verbrecher wandelt sich. Menschenverachtender. Ein drogenverschiebender „Gangster“ aus Palermo hat mit einem „Vorkriegsgangster“ aus New York kaum noch etwas gemein, außer dass sie sich die gleichen Anwälte leisten. Und er ist auch nicht länger heldenverehrender Rebell weißer Hautfarbe, er bricht tatsächlich aus dem Ghetto aus. Wobei sich eine gehörige Portion Rassismus breitmacht. Weiße gegen Koreaner, Italiener gegen Venezolaner, Schwarze gegen Vietnamesen. Die Welt ist nicht nur in der Politik multikulturell geworden.

Sie bietet nebenher alle Tötungsmechanismen auf offener Bühne dar. Und der Gangster? Die Gentrifizierung hat ihn längst ergriffen. Er ist schutzlos den Serienmördern ausgeliefert. Taucht ab, im Film restauriert in Asien wieder auf. Als Poster-Glamourboy. Reproduktion als Stilmittel. Der amerikanische Genre-Exportschlager in Südafrika, Russland, Japan überhaupt. Die Sehnsucht nach dem Gangster, der ein gutes Herz hat, gezwungen ist, seinen Lebensunterhalt auf kriminelle Weise zu verdienen, ist ungebrochen. Wenn es schon ein Verbrechen gibt, dann bitteschön aus nachvollziehbaren Gründen. Wir müssen ihm als Leser Respekt zollen, Bewährung gewähren.

Ende 2016 ist der Dealer nun auch schon ein Auslaufmodell. Hat sich bei ihm das offene Töten zu einem breughel´schen Tableau auf jeder Downloadplattform entwickelt, füllen die Winslows und Pattersons der Welt die Bücherregale in Serie, tritt nun die Anonymität ins Rampenlicht. Der Whistleblower, der Hacker. Das Kriminelle kehrt zurück in der Maskerade. Zum Raub zurück, verschickt Phishing-Mails, bricht durch Firewalls. Das Unwort Leak klingt nach Überfall. Kehrt der Gangster also wieder? Körperlos. Als Schatten seiner selbst. Nein, verkümmert in einem Callcenter für Spezialisten, die einen nicht mehr anrufen, vielmehr durch die Leitung kriechen, sich längst eingenistet haben. Der Gangster ist zu einem Nine-to-Five-Job verkommen. Trägt keine Maßanzüge mehr, sitzt mittags nicht in sündhaft teuren Restaurants herum und wirft sein Geld zum Fenster raus. Er steht dem Verbrechen von nun an rund um die Uhr zur Verfügung. 24-Stunden-Gangster-Service.

Blass und Fastfood-aufgebläht in den Weiten des Dark Net. Ausgestattet mit allen Varianten moderner Freizeitgestaltung muss er heutzutage studiert haben, damit es sich für alle lohnt. Ein weiter Weg vom Kleinkriminellen zum Spezialisten.

Der Gangster hat den Wandel nicht überstanden, er wurde versklavt. Irgendwo auf seinem Weg ins Zwanzigste Jahrhundert haben sie ihm den Serienkiller vor die Füße geworfen, seitdem ist er spurlos verschwunden

 

Wolfgang Franßen © 01 2017

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