2:: Ihre Jugendzimmer waren im Dachgeschoss neben dem Speicher, und niemand hatte je viel verändert. Jedes Mal hatte Fallner wieder vergessen, wie schrottig alles war, und fragte sich, ob es besser gewesen war, als ihre Mutter noch lebte. Er konnte sich nicht erinnern. Und hatte man sich früher besser gefühlt, als man kein Telefon in der Tasche hatte? Er überlegte eine Sekunde, ob er bei Jaqueline rangehen sollte. Hatte er vielleicht irgendwas zu verlieren?

Wie geht´s dir?

Sehr gut.

Und dein Vater?

Bestens.

Hast du immer noch schlechte Laune?

Keine Spur.

Wirst du deine kleine Freundin besuchen?

Nein.

Glaub ich nicht.

Ich schwör´s beim Grab meiner Mutter.

Wirst du alte Platten hören?

Kann sein.

Hast du Whisky gekauft?

Ja.

Mit sky oder key?

Key.

Welchen?

Jim Beam Devil´s Cut.

Der bringt´s doch nicht, hab ich noch nie gehört. Du bist doch einfach nur auf den Namen reingefallen.

Ist auch neu.

Und mal wieder die alten Heftchen.

Kann sein.

Versprich mir, dass du dir keinen runterholst.

Gut.

Ich will, dass du vollkommen voll nach Hause kommst.

Klingt gut.

Du hast es versprochen.

Gut.

Und nichts mit deiner dummen Schultussi.

Gut.

Nichts ist gut.

Gut.

Idiot.

Sie drückte die Taste, ehe er sich wiederholen konnte und dann stellte er sein Telefon aus. Früher wäre er nicht nach unten gegangen, wenn das Telefon geklingelt hätte. Früher war besser. Kein Telefon, kein Fernseher, kein Auto und so weiter.

Als er in die Schule kam, kamen auch die Dinge, 1975 war das Auto gekommen, ein blauer Simca 1000. In seiner Erinnerung fuhren sie ihn ewig und an den Nachfolger konnte er sich nicht erinnern.

Er saß hinten und las in seinem Landserheftchen. KK schoss mit der MPi in die zurückgehenden Russen. Nun saßen sie in der Zange. Der zweite Panzer wurde von einer Pak erledigt und ging in Flammen auf. Sein Bruder meinte, er hätte ein Rad ab, aber er verteidigte sich mit dem Opa, der vor Stalingrad gekämpft hatte.

Fallner stand auf und holte sich einen Landser aus dem Regal. Die alten Sexheftchen lagen unter den Sport- und Popmagazinen in einer Schublade. Es war noch zu früh für die Sexheftchen.

 

3:: Ein Geräusch weckte ihn und machte ihm bewusst, dass er den Faden verloren hatte. Er hatte keine Ahnung, wie lange er durch seine Vergangenheit gelaufen war.

Er machte Jims Devil´s Cut auf und kippte ein viertel Senfglas. Er studierte das Label. Unter fünf jungen Damen, deren Dekolletés ohne Zweifel den Eingang zur Hölle markierten, stand die reine Hoffnung beschrieben: The five winners will enter for a chance to be King of the Devil´s Cut float in the Mardi Gras parade. Mit den Damen auf Jims Paradewagen durch den Karneval von New Orleans durften die Gewinner also schaukeln, bis am Ende die süße Katrina die Häkchen aufhakte und alle untergingen in ihrem Sturm der Leidenschaft.

War so gut wie geritzt. Er war ein Gewinnertyp. Immer gewesen.

Und ein Mann musste bekanntlich ein Ziel im Leben haben. Wer ein besseres kennt, möge vortreten und mit lauter Stimme sprechen.

Er trank noch ein Viertel, um die Vorstellung genauer zu erkennen. Als er den Kopf in den Nacken legte, sah er, dass der Mann im Dachfenster dasselbe machte. Guter Mann. Hatte mehr Ahnung vom Leben als die Polizei erlaubte.

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