Das Fenster: vergittert. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Schrank. Die Matratze: durchgelegen, abgewichst. Ich zähle sechs große Flecken. Zwei davon sind definitiv Blut. Menstruation oder anderes? Die anderen sehen aus wie Pisse, riechen auch so. An der Wand irgendein Schleim. Aus Mund oder Nase, das ist schwer zu sagen. Conny beugt sich runter, betrachtet die Matratze genau. Ich weiß, dass er nach Wanzen sucht. Hatten wir alles schon. Auf der gewellten Oberfläche bleibt es ruhig. Hat nichts zu bedeuten, aber es besänftigt uns ein wenig. Wir rollen unsere Schlafsäcke aus.

    „Ich muss mal.“

    Conny nickt, setzt sich aufs Bett, vorsichtig, als fürchte er, hinterrücks von einer Wanzen-Hundertschaft überwältigt zu werden.

    Ich gehe raus auf den Gang, muss meine Augen erst wieder an das Nicht-Licht gewöhnen. Adjust. In meinem Kopf spielt ein Lied. „Ooh la la la it's the way that we rock when we're doing our thing …“ Lauryn Hill nimmt mich an die Hand. Zieht mich zur Toilette. Wenn sie mich nicht führen würde, fände ich das beschissene Loch erst gar nicht. Wir lassen die letzte Glühbirne hinter uns, wandeln ins Dunkel, der Teppich schluckt unsere Schritte. Lauryn ist eine Katze. Ich wünschte, sie wäre real.

 

„Your money!“ Die Stimme ist heiser, männlich. Der Typ dazu stinkt noch mehr als ich. In seiner Hand ist ein Messer. Das Rumgefuchtel macht mich nervös. Wenn das Messer nicht wäre, sähe man rein gar nichts. Der Stahl blinkt hier und da, fängt das bisschen Licht ein, das sich hier im Flur noch aufhält. Würde ich nicht gerade bedroht, könnte ich es vielleicht sogar schön finden. Lauryn hat mich einfach losgelassen.

    Ich sage, dass ich nichts habe. Das stimmt. Mein Geldbeutel liegt bei Conny auf dem Bett. Das, was ich noch an Kohle besitze, ist keinen Überfall wert. Ein komplexer Zusammenhang in dieser heiklen Situation. Der Typ sagt was von „Travelers Cheques“ und noch mal „money“. Ich merke, wie Adrenalin mich überschwemmt. Wie Angst meine Beine aufweicht. Ich stottere noch etwas, was, weiß ich nicht genau, dann kommt etwas Dunkles auf mich zu. Schwarz im Dunkelgrau. Es frisst sich in meinen Bauch, mir wird ganz warm, ich gehe auf die Knie. Jemand stöhnt. Das muss ich sein, weil die dunkle Masse weg ist, die heisere Stimme auch. Ich bin allein. Und weil ich Angst habe zu verbluten – denn das ist es wohl: Blut, das aus meiner Seite rausläuft – rapple ich mich auf, stütze mich an der Wand ab und stolpere weiter. Ich will mich in Sicherheit bringen. In mir läuft ein Notstromaggregat. Ich drücke eine Klinke runter: nichts. Ich schleppe mich weiter an der Wand entlang, presse meine Hand auf das Warme, Feuchte. Hinterlasse wahrscheinlich eine Spur aus verwischten, roten Klecksen. Wie Madonna in Take a Bow, Juliette Binoche in Drei Farben: Blau – mein Leben verkommt zum Zitat. An der nächsten Tür habe ich Glück.

    Am Tisch sitzt ein Mann. Ziemlich alt, weißer Vollbart, helles Hemd. Er kommt mir bekannt vor. Das Leben ist ungerecht, denke ich. Warum hat der einen Tisch und wir nicht?

    „Hallo“, sagt er. Schaut auf seinen Bildschirm. Irgendetwas flackert in seinem Gesicht.

    „Äh, Entschuldigung. Können Sie mir helfen?“

    Er schaut wieder auf.

    Ich kenne den Mann. In meinem müden Verstand sind alle Alarmlampen an.

    „Einen Moment“, murmelt er.

    Hoffentlich habe ich den noch, denke ich und warte.

    Dann erhebt er sich, winkt mich zu sich. Achselzuckend bemerkt er: „Die Situation in Mali macht mir Sorgen.“

    Ich denke: Was?! und sage: „Ja, mir auch.“

    Dann kommt er auf mich zu, nimmt meine Hand von der Wunde und verzieht das Gesicht. Weil mir schlecht ist, setze ich mich sicherheitshalber auf den Boden. Einen kurzen Filmriss später kommt er mit ein paar weißen Tüchern zurück. Dann liege ich auf seinem Bett, um meinen Bauch habe ich einen Verband, kein Leck mehr. Mir ist kalt.

    Er sitzt schon wieder an seinem Bildschirm. „Dieser Ahmadinejad“, besorgt schüttelt er den Kopf. „Die Rezession.“

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