Bleibt das karge Faktum, dass auch Hochliteraten sich verschiedener narrativer Grammatiken bedienen. Das kann gelingen oder auch nicht. Die Beispiele sind Legion. Vor allem aber sollte man aufpassen, die Dignität der Phänomene zu beachten. Ist der kurze Roman „Der Tod und das Mädchen“ des großen uruguayischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti ein misslungener Kriminalroman, oder benutzt Onetti Erzählkonventionen und Konstellationen, die auch Kriminalromane benutzen, zu ganz anderen Zwecken? Die sogar möglicherweise in einem dialogischen Verhältnis zu denen seines argentinischen Kollegen Jorge Luis Borges stehen, der möglicherweise mit seinen Kriminalromanen (und auch mit denen, die er zusammen mit Adolfo Bioy Casares geschrieben hat) eine ganz andere ästhetische und erkenntnistheoretische, gar politische Agenda hatte? Hat Gore Vidal alias Edgar Box mit seinen Peter-Sargeant II-Romanen für ihn neue Schreibweisen ausgetestet oder nur auf den schnellen Dollar geschielt? War Friedrich Dürrenmatts Statement „Das Versprechen“ sei ein „Requiem auf den Kriminalroman“ (wie der Untertitel lautet) tatsächlich als Kritik des Genres gedacht – und wenn ja, warum dann, wenn Dürrenmatt das Genre gar nicht intim kannte? Hat John Banville als Benjamin Black einfach Spaß an Pastiches? Wollte Heimito von Doderer mit „Der Mord den jeder begeht“ tatsächlich in Nazi-Deutschland „populärer“ werden als im noch nicht „angeschlossenen“ Österreich? Wollten Bert Brecht und Walter Benjamin mit ihrem gemeinsamen (nie realisierten) Kriminalromanprojekt „Tatsachenreihe“ den „Krimi“ didaktisch, für das Lesevolk ideologisch in ihrem Sinne auf Vordermann bringen, weil sie das kommunikative Potential des Genres erkannt hatten, oder nur Walter Benjamin einen schnellen Broterwerb ermöglichen, oder beides? Was hat Julian Barnes dazu getrieben, als Dan Kavanagh seine Duffy-Romane zu schreiben? Was machen wir mit Literaten wie Ricardo Piglia oder Rubem Fonseca zum Beispiel, bei denen sich die Frage des „Seitensprunges“ gar nicht erst stellt, weil Kriminalliteratur in ihrem Werk zu eng mit anderen Gattungen und Genres dergestalt  verzahnt ist, dass es dennoch ein konstantes Narrativ ergibt? Und was mit Autoren, die wie selbstverständlich die Genres wechseln, ohne je konventionelle Vorstellungen von Genres zu beachten? James Graham Ballard würde mir an der Stelle einfallen oder – betrachtet man sein Gesamtwerk – Jerome Charyn, bei uns gehört Friedrich Ani in diese Kategorie, in a way auch Heinrich Steinfest. Sind Michael Chabon oder Jonathan Lethem Krimi-Autoren oder nur Virtuosen im Umgang mit populären Genres? (Sie haben es gemerkt, ich vermeide strikt die Formel vom „Spielen mit den Konventionen des Genres“ – eine entsetzliche Hohlphrase, meistens für misslungene Bücher, die man anders nicht zu retten weiß, wie etwa Declan Burkes schiefgegangenes Meta-Experiment „Absolute Zero Cool“.)

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