Wie es sich für einen Krimi gehört, der es auf die Bestenliste schafft, gibt es auch in Peters‘ erstem Krimi zu Beginn einen Toten. Yuki O., an einer Tätowierung als japanischer Yakuza identifiziert, liegt erschossen im Teich eines Parks. In diesem nach dem Anarchisten Erich Mühsam benannten Park handelt die vietnamesische Mafia, er ist ihr Revier. Für Annegret Bartsch, Kommissarin im Vietnam-Dezernat der Berliner Kripo, bedeutet das: endlich wieder Spannung bei der Arbeit und nicht nur zuhause mit Mann und Tochter. Auch eine leicht depressive Ermittlerin ist also da, das zweite wichtige Kriterium des Genres Krimi erfüllt. Schön ist, wie Peters in seinem Roman auch deutsche Zeitgeschichte mit all ihrer politischen Korrektheit auf die Schippe nimmt. Eine ausländerfeindliche Tat, das ist der naheliegende Verdacht. Die Vietnamesen lenken ihn in die Richtung, Bartschs Chef denkt ebenso.

„Ich muss zugeben, dass es mich ein bisschen kalt erwischt hatte, diese Möglichkeit war überhaupt nicht auf meiner Rechnung gewesen, wahrscheinlich ist das die Richtung, in die Axel Reimann ermittelt, normalerweise würde ich bei einem muskelbepackten Japaner mit Ganzkörpertätowierung nie auf die Idee kommen, es könnte einen rassistischen Hintergrund geben, zumal ich gelesen habe, dass die Yakuza in Japan selbst am rechten Rand politisch mitmischt …“

Nicht nur die Kommissarin, auch der Oyabun – der Chef der Yakuza im fernen Japan – geht davon aus, dass in Berlin rivalisierende vietnamesische oder arabische Gangs den Vorposten der Yakuza in der deutschen Hauptstadt beseitigt haben. Warum? Das aufzuklären und Rache zu üben, dafür schickt der Boss den Berufskiller Fumio Onishi nach Berlin. Dort stoßen sie aufeinander; die Ermittlerin, der die Leser in einem Bewusstseinsstrom ohne Punkt, aber mit reichlich Kommata als Ich-Erzählerin durch die von ihr erzählten Teile des Krimis folgen, und der kalte, nüchterne und am Zen-Buddhismus geschulte  Onishi. Ihm folgt Peters als auktorialer Erzähler. Auch diese Form des Romans hilft, den Konflikt dieser beiden Menschen aus so unterschiedlichen Kulturen zu erzählen – in der, das mag ruhig verraten sein – wie in den meisten  guten Noirs die härtere Kultur am Ende obsiegt.

Leichen gibt es über die 347 Seiten des Romans reichlich. Die Berliner Zöllner kommen im Buch auch deswegen mit dem Leben davon, weil Peters offenbar ein noch gespannteres Verhältnis zu den Helikopter-Eltern hat, die mit der Gentrifizierung des Prenzlauer Bergs nicht nur Öko-Läden, sondern auch politisch korrekten Gesinnungsterror ins Viertel getragen haben, in dem alles adrett und sauber ist. „Da muss mal was passieren“, hat er sich gedacht. Nun denn. Ob bewusst geplant oder nicht, die 21 Literaturkritiker und Krimispezialisten, die „Der Arm der Krake“ im November auf die Krimi-Bestenliste geschoben haben, bestätigen, dass Peters wirklich einen Kriminalroman geschrieben hat, der sowohl in Form und Inhalt ambitioniert ist. Kleine Fehler hat er dabei offenbar bewusst in Kauf genommen. Dass sich die Yakuza in Berlin sicher anders verhalten würde, dass auch die Kultur dieser Gangsterbanden komplexer und weniger romantisch ist, als Peters sie schildert, das stört allenfalls den Yakuza-Kenner. Doch dazu später mehr …

Peters, 1966 am Niederrhein geboren, ist schon als Oberschüler an die japanische Kultur herangeführt worden. Die schlichte Ästhetik japanischer Kunst, die viele Menschen fasziniert, hat auch ihn gepackt. Dazu kommt eine Leidenschaft für japanisches Essen.  Gemeinsam mit einem Freund hat er früher schon oft stundenlang Samurai-Filme angesehen. Der Filmemacher Akira Kurosawa gehört für Peters bis heute zu den Größten überhaupt. Zu Kurosawas bekanntesten Filmen gehören Die sieben Samurai, Rashomon – Das Lustwäldchen und Ran. Auch moderne japanische Filmemacher kennt er. Eine gewisse Nähe zum Kriminalroman ist also – allen anfänglichen Dementis zum Trotz – offenkundig da. Der Einfluss der Samurai-Filme auf diesen Thriller-Erstling ist jedenfalls offensichtlich.

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