Dadurch wäre ein Hauch Hintersinn in diesem Roman eingekehrt, hätte man die Aufzählungen der Elite-Universitäten und Kampferfahrungen, das dünkelhafte Strebertum, sogar die Koketterie mit der Überforderung bei der Bedienung eines iPhones zumindest als Satire lesen können. Zumal Louis Begley mit seinen bisherigen Romanen hinlänglich bewiesen hat, wie grausam-genau er genau Milieu der reichen weißen Oberschicht in New York und Neuengland, der Ivy-League-Absolventen und Anwaltsfirmen der Upper East Side auseinander nehmen kann. Aber hier versucht er noch nicht einmal, die Handlung plausibel werden zu lassen. Der auf den ersten Blick zu erkennende Oberschurke, dessen fieser Charakter beständig mit Worten betont wird, schickt sogar denselben Auftragsmörder zu Onkel und Neffe. Deshalb fehlt es "Zeig Dich, Mörder" an Subtilität, Raffinesse, Eleganz und vor allem an Ernsthaftigkeit gegenüber dem Genre.

Dass es auch anders geht, zeigt Juli Zehs "Schilf". In diesem Buch ist der Krimi-Plot lediglich der Aufhänger für eine Abhandlung über philosophische und physikalische Theorien und einer Männerfreundschaft: Der Sohn des Universitätsprofessors Sebastian wird entführt, er glaubt, er bekommt ihn nur zurück, wenn er den Oberarzt Ralph Dabbeling ermordet, mit dem seine Frau Maike befreundet ist – und sucht Hilfe bei seinem Studienfreund Oskar, der in Genf am CERN eine Formel finden will, mit der er alles erklären kann. Nun entsteht aus dieser Situation keine Spannung, auch hat "Schilf" kein realistisches Setting. Vielmehr ist dieser Roman – wie so häufig bei Juli Zeh – ein intellektuelles Konstrukt, ein Gedankenspiel des "was wäre, wenn" und in diesem Fall was wäre, wenn es mehr als eine Welt gebe. Diese Möglichkeit lotet sie gründlich aus. Aber im Gegensatz zu Louis Begly hat sie ihre Geschichte sauber konstruiert. Es gibt falsche Fährten und verschiedene Handlungsstränge, die sie im Blick behält. Es wurde Juli Zeh insbesondere zu dieser Zeit – der Roman ist 2007 erschienen – häufig vorgeworfen, dass sie zu 'streberhaft' sei und deshalb mit ihren Romanen zu viel will. Das trifft zum Teil auch auf "Schilf" zu, zumal der moralische Überbau verhindert, dass die Figuren genauer erforscht werden. Aber es wird auch deutlich, dass sie sich mit dem Genre beschäftigt hat und in ihm eine Möglichkeit sieht, diese Themen zu verhandeln. Deshalb wird angemerkt, dass der Kommissar "mit Verspätung (…) ins Spiel" kommt, wird ihm der Hirntumor gegeben, um sein Verhalten zu erklären – und weiß der Mörder selbst, dass er sich wie ein "Standardmörder" benimmt, wenn er an den Tatort zurückkehrt. Dadurch ist "Schilf" noch lange kein guter Kriminalroman. Aber es entsteht nicht der Eindruck, Juli Zeh habe 'einfach mal' einen Kriminalroman schreiben wollen.

Sonja Hartl © 01//2016

 

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