Domestic Noir – Ärgern über einen Begriff

Denn damit verortet "domestic noir" die Frauen in einer häuslichen Umgebung und innerhalb einer (heterosexuellen) Beziehung. An anderen Orten der Gesellschaft scheint sie keine Rolle zu spielen, vielmehr wird sie definiert durch ihr Haus und ihre Beziehung. Das ist reaktionär und konservativ, deshalb fällt es mir auch schwer, in all den Romanen über gefährliche Frauen und Ehen feministische Tendenzen zu erkennen. von Sonja Hartl

Die Unübersichtlichkeit der Welt

Johnsons Ostafrika ist ein völlig unübersichtlicher Teil der Weltkarte geworden. Durch Kolonialmächte und Geheimdienste ist dort alles durcheinandergeraten, jeder folgt nur noch seinen eigenen Interessen und sichert sein Überleben. Es gibt weder Loyalitäten noch Zugehörigkeiten, vielmehr scheint jeder potentiell mindestens ein doppeltes Spiel zu treiben. von Sonja Hartl

Der finnische Weg

Spricht man hierzulande von Skandinavien, ist gar nicht genau klar, welche Länder nun gemeint sind. Streng geographisch wird damit die Skandinavische Halbinsel bezeichnet, auf der sich Norwegen und Schweden sowie der äußerste Nordwesten Finnlands befinden. Geschichtlich und sprachlich-kulturell ist mit Skandinavien hingegen meist Schweden, Norwegen und Dänemark gemeint. Meistens umfasst der Begriff Skandinavien zudem aber noch Finnland – und bei sehr großzügiger Verwendung gelegentlich sogar Island. von Sonja Hartl

Der Gangsterfilm ist tot

Der Gangsterfilm der 1930er-Jahre erzählte von Rückständigen der Gesellschaft und übte Sozialkritik, damit war er ein Wegbereiter des Film noir, der die Desillusionierung und Ernüchterung der Menschen angesichts des Ersten Weltkriegs, der Weltwirtschaftskrise, Roosevelts New Deal und des aufkommenden Zweiten Weltkriegs erfassen wird. von Sonja Hartl

Verlierer, Versager und Philip Marlowe

Zudem ist der Verlierer in der Kriminalliteratur überwiegend männlich. Bei weiblichen Figuren scheint zum einen das kompetitive Moment zu fehlen, das zu dieser Einordnung führt, zum anderen werden sogar in Werken, die dezidiert Frauen in den Mittelpunkt stellen, andere Erwartungen an ein „erfolgreiches“ Leben von Frauen als von Männern gestellt. von Sonja Hartl

Ästhetisierung der Armut

Es ist ein Verdienst der Romane des Country Noir, die ländlichen Gegenden als Orte wieder ins Bewusstsein zu bringen. Zugleich bedient diese Hinwendung zu armen Schichten und zu dem vermeintlich einfachen Leben in der Natur eine verklärte Sehnsucht nach Distanz zu der modernen, technisierten Gesellschaft. von Sonja Hartl

Eine Liebeserklärung

Die Kritik ist ein Teil der kulturellen Öffentlichkeit. Jedoch bedeutet Leidenschaft für die und Liebe zu der Kunstform nicht automatisch auch Lob. Vielmehr geht es um das Verstehen des Werks, um die Auseinandersetzung mit ihm, um das Einordnen innerhalb eines Kunstzweigs. Und das führt zu einem großen Missverständnis über die Funktion und die Grenzen der Kritik: Kritik ist niemals objektiv. von Sonja Hartl

Mehr Risiko!

Wir stecken doch alle ohnehin schon in einer Filterblase. Klar ist es praktisch, dass Google ahnt, dass ich bei dem Suchwort „Playback“ eher den Chandler-Roman als die Tonaufnahmetechnik suche – aber hier ist mir bewusst, dass damit mein Zugang zu Informationen manipuliert ist. Bei Büchern will ich das nicht. Hier will ich das Unverstellte, Unbequeme, Ungewöhnliche. von Sonja Hartl

Richtiges im Falschen

Mechthild Borrmann und Andreas Kollender nähern sich einer Antwort, indem sie von einer Gruppe Freunde in der NS-Zeit („Wer das Schweigen bricht“) und einem Mann erzählen, der zum Verräter wurde („Kolbe“). Dabei zeigen sie sehr deutlich, dass Geschichte immer ins Heute fortwirkt – in Kriminalromanen bisweilen mit tödlicher Konsequenz. von Sonja Hartl

Die Tücke des "einfach mal"

Seit einiger Zeit grassiert zudem unter etablierten Schriftstellern die Neigung, doch einfach mal einen Kriminalroman zu schreiben. Doch darin liegt die Tü einen guten Kriminalroman. Das hat nicht zuletzt Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff mit "Killmousky" belegt.  von Sonja Hartl

(Eine mögliche) Zukunft des Ermittlerkrimis

Ein Fall, der in die traumatische Vergangenheit des Ermittlers führt, ist in vielen Kriminalromanen der Ausgangspunkt für eine möglichst tiefe Verstrickung der Hauptfigur in ihre Ermittlungen. In dem Krimi-Debüt der ehemaligen Polizistin P.M. Newton führen die belastende Vergangenheit und komplizierte Gegenwart aber weder zu irrationalem Verhalten noch besonderen Fähigkeiten, sondern Ned vertraut auf gute Polizeiarbeit. von Sonja Hartl

Wo sind sie, die Frauen?

Vielmehr verweisen die Bücher dieser Autorinnen auf die häufig vertretene Einschätzung, dass Frauen weniger Noir-Romane schrieben, weil sie sich stärker für Familiendramen und psychologische Spannung als gossenhafte Gewalt und Gesellschaftskritik interessieren. von Sonja Hartl

Handlungsort Kenia

Das Nachdenken über Identität und Gesellschaft, die sprachliche Sorgfalt und das Bewusstsein für Narrative unterscheiden Mukoma wa Ngugis von Richard Cromptons Romanen: Für Mukoma wa Ngugi ist Kenia mehr als eine exotische Kulisse, die Herkunft seines Ermittlers ist mehr als sein Grund für Außenseitertum und er geht mehr als ein erzählerisches Risiko ein. … von Sonja Hartl

Taffe Frauen, weiche Männer

Dennoch haben Autoren meist eine männliche und Autorinnen eine weibliche Hauptfigur. Man möchte meinen, das eigene Geschlecht liege näher, mache es vielleicht einfacher und die Figuren überzeugender. Jedoch widerlegen Autor/Innen wie Pekka Hiltunen und Fred Vargas diese Annahme. von Sonja Hartl

Notausgang

Die Verbindungen sind deutlich zu erkennen: Sjöwall/Wahlöös Protagonisten Beck und Kollberg sind durchschnittliche Menschen, von Beruf Polizisten, die nach und nach erkennen müssen, dass die schwedische Gesellschaft in den 1970er-Jahren und der Kapitalismus menschenfeindliche Systeme sind. Bald – so hofften Sjöwall/Wahlöö – würden diese Systeme zusammenbrechen und sich sozialistische Gesellschaftsformen durchsetzen. Doch zwischen dem letzten Teil „Die Terroristen“ (1975) und Arne Dahls Auftakt der A-Gruppen-Romane (1998) ist einiges geschehen. von Sonja Hartl

Thriller und mehr? Über Mike Nicols und Max Annas‘ Südafrika-Bücher

Mike Nicol und Max Annas erzählen in ihren Büchern von dem Südafrika der Gegenwart, einem Land, dessen Gesellschaft weiterhin unter den Folgen der gewalttätigen Vergangenheit leidet. Beide Bücher sind „spannend“, enthalten „Action“ und erfüllen damit die Kriterien, die unabhängig von der Frage, ob eine Einordnung in Genres und Subgenres sinnvoll ist, erfahrungsgemäß mehrheitlich an einen Thriller gestellt werden.
von Sonja Hartl

Musterspiele

Das Spiel mit den Mustern des Genres setzt voraus, dass der Leser sie kennt – es ist gewissermaßen ein Humor, der vor allem bei Eingeweihten funktioniert. Durch die Reflexion des Erzählers und seine Ausführungen senkt Colfer diese Hürde ab, dadurch ist seine Komik einfach und direkt. Eine andere Rolle spielen die Muster des Kriminalromans bei Heinrich Steinfest. Komik entsteht in seinen Büchern durch absurde Situationen, in denen die bekannten Elemente des Kriminalromans für Vertrautheit sorgen. von Sonja Hartl

Ein Fuck macht noch keinen Pulp

In der narrativen Struktur und den Handlungselementen erinnert „Pulp Fiction“ also an die Pulp-Hefte, zugleich unterläuft Quentin Tarantino mit der tatsächlichen filmischen Ausgestaltung aber die Genreschemata, indem er vertraute Situationen aufbaut und sie einen unerwarteten Verlauf nehmen lässt. von Sonja Hartl

Fatalität des Begehrens – Gefährliche Frauen und hardboiled-Männer

In einer Zeit, in der die Moral vorsah, dass für eine Frau erzwungener Sex schlimmer als der Tod sei, macht diese Aussage auch deutlich, dass dieses Diktum für Brigid nicht zutrifft. Für sie ist Sex vielmehr ein Weg, um den Tod zu Männern zu bringen. von Sonja Hartl

Schattenseiten der Wirklichkeit

Deutsche Autoren könnten Regional- und Soziokrimi, aber keinen Noir. So lautet eine weit verbreitete Behauptung, der zumindest zum Teil widersprochen werden muss. Denn es gibt sie, die deutschsprachigen Krimiautoren, die in der Tradition von Chandler, Hammett und Goodis, von Manchette und Malet stehen. Sie sind nur nicht so populär, wie sie sein sollten. von Sonja Hartl

Die Familie – Hort der Macht und Sicherheit

Bis ins Jahr 1969 waren italienischstämmige Gangster in der Literatur und im Film meist Schurken, Figuren ohne Hintergründe, eindeutig böse. Dann erschien ein Roman, in dessen Mittelpunkt eine italienische Familie steht und der sich noch vor der Verfilmung über 21 Millionen Mal verkaufte. In Mario Puzos „Der Pate“ wird von Verbrechern erzählt, die Familie haben, Väter, Söhne, Brüder und Ehemänner sind, die vor dem Mord gemeinsam Spaghetti essen und Cannoli besorgen – und deren unverbrüchlicher Zusammenhalt die Grundlage ihres Einflusses ist. von Sonja Hartl

Topographie der Macht

Zwei Italiener, zwei Geheimbünde: Gennarino Sorrentino lebt in Neapel und schlägt sich durchs Lebe, Silvio Balestri ist nach New York ausgewandert und träumt davon, einen zweiten Turm zu Babel zu bauen. In Sorrentinos Leben tritt die Camorra, in Balestris eine geheime Organisation von Architekten. Diese mächtigen Bündnisse vereiteln die Zukunftspläne dieser jungen Italiener und üben einen nahezu grenzenlosen Einfluss auf ihre Leben aus. von Sonja Hartl

Das Leid der Liebenden

Es entstanden romantisierte Versionen ihrer Geschichte, und das liebende Verbrecherpaar [Bonnie und Clyde] wurde zum Mythos, der vor allem aus Aussichtslosigkeit der Liebe, der Bedingungslosigkeit des Zusammenhalts und der Faszination für das Verbotene besteht. Jedoch zeigt ein Blick auf zwei Bücher von Cornell Woolrich und Jim Thompson, dass die Verbindung aus Verbrechen und Liebe nicht zweifellos romantisch sein muss. von Sonja Hartl

Es muss Mord sein

Zur Suspense bei Hitchcock gehören also Emotionen und Neugier, die Erwartungen des Publikums, dass etwas geschieht – oder ein Ereignis verhindert wird. Suspense ist eine unterschwellige Anspannung, eine Unsicherheit, ein Zweifeln. Diese Art von Suspense durchzieht Anne Goldmanns „Lichtschacht“, dessen zugrundeliegender Kriminalplot allein schon an einen Hitchcock-Klassiker erinnert. von Sonja Hartl

Motiv: Aussichtslosigkeit

Juristisch ist es ein Unterschied, ob ich einen Menschen töte, um an sein Geld zu kommen oder um einen anderen Menschen zu beschützen … Was ist jedoch, wenn Handlungen kein Ziel haben und der Handelnde in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der kriminelle Taten nicht als kriminell bewertet werden? Entziehen sich diese Taten, die aus reiner Aussichtslosigkeit begangen werden, einer Deutung? von Sonja Hartl