Der König ist tot, es lebe der König

Und dann kamen die Siebziger, Drogen, die Verlockung, noch schneller noch reicher zu werden. Es galt plötzlich nicht mehr, die Familie zu schützen, sondern die Organisation. Nicht mehr in einem Stadtteil, sondern im ganzen Staat. Postmodern gesagt ist jeder ersetzbar. Die früheren Gangster zogen sich in Schutzzonen zurück, gingen auf die Matratzen, aus denen sie so lange nicht vertrieben wurden, wie ihre kleine Armee bestehen blieb, die Korruptionspipeline in die Stadtverwaltung kein Leck aufwies. von Wolfgang Franßen

Der Gangsterfilm ist tot

Der Gangsterfilm der 1930er-Jahre erzählte von Rückständigen der Gesellschaft und übte Sozialkritik, damit war er ein Wegbereiter des Film noir, der die Desillusionierung und Ernüchterung der Menschen angesichts des Ersten Weltkriegs, der Weltwirtschaftskrise, Roosevelts New Deal und des aufkommenden Zweiten Weltkriegs erfassen wird. von Sonja Hartl

Verlierer, Versager und Philip Marlowe

Zudem ist der Verlierer in der Kriminalliteratur überwiegend männlich. Bei weiblichen Figuren scheint zum einen das kompetitive Moment zu fehlen, das zu dieser Einordnung führt, zum anderen werden sogar in Werken, die dezidiert Frauen in den Mittelpunkt stellen, andere Erwartungen an ein „erfolgreiches“ Leben von Frauen als von Männern gestellt. von Sonja Hartl

Ästhetisierung der Armut

Es ist ein Verdienst der Romane des Country Noir, die ländlichen Gegenden als Orte wieder ins Bewusstsein zu bringen. Zugleich bedient diese Hinwendung zu armen Schichten und zu dem vermeintlich einfachen Leben in der Natur eine verklärte Sehnsucht nach Distanz zu der modernen, technisierten Gesellschaft. von Sonja Hartl

Amerika ist überall

Kriminalromane füllen weltweit die Regale der Buchhandlungen und finden hunderte Millionen Leser. Maßstab für Autoren, die mehr als reine Unterhaltung schreiben wollen, bieten vor allem die “Hard-boiled”-Krimis aus den Vereinigten Staaten. Dafür gibt es Gründe – nur einer davon ist der globale Siegeszug des grenzen- und schrankenlosen Kapitalismus. von Carsten Germis

Eine Liebeserklärung

Die Kritik ist ein Teil der kulturellen Öffentlichkeit. Jedoch bedeutet Leidenschaft für die und Liebe zu der Kunstform nicht automatisch auch Lob. Vielmehr geht es um das Verstehen des Werks, um die Auseinandersetzung mit ihm, um das Einordnen innerhalb eines Kunstzweigs. Und das führt zu einem großen Missverständnis über die Funktion und die Grenzen der Kritik: Kritik ist niemals objektiv. von Sonja Hartl

Drei Thesen zur Krimikritik in Deutschland

Auch auf der Angebotsseite, sollte man meinen, steht es so gut um die Krimikritik wie nie. Das mag damit zu tun haben, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Literaturwissenschaft an deutschen Universitäten Kriminalliteratur als schmuddelig ansah und sich damit nicht beschäftigen wollte.   von Carsten Germis

Mehr Risiko!

Wir stecken doch alle ohnehin schon in einer Filterblase. Klar ist es praktisch, dass Google ahnt, dass ich bei dem Suchwort „Playback“ eher den Chandler-Roman als die Tonaufnahmetechnik suche – aber hier ist mir bewusst, dass damit mein Zugang zu Informationen manipuliert ist. Bei Büchern will ich das nicht. Hier will ich das Unverstellte, Unbequeme, Ungewöhnliche. von Sonja Hartl

Wie geht Buchmarkt 4.0?

Die Zeiten haben sich geändert, auch für die  Krimiautoren dieser Welt.  Das Diktat des Mainstreams in den Verlagen der westlichen Welt, der Siegeszug der E-Bücher und immer stärker auch das Self-Publishing stellen Altbekanntes in Frage. Mancher Autor, auch mancher, der sich am Markt schon lange durchgesetzt hat, orientiert sich deswegen neu. Was Industrieunternehmen ihr "Industrie 4.0" ist, ist ihnen der "Buchmarkt 4.0". Altmeister Lawrence Block in New York ist einer von denen, die wissen, wie er funktioniert. von Carsten Germis

Die Tücke des "einfach mal"

Seit einiger Zeit grassiert zudem unter etablierten Schriftstellern die Neigung, doch einfach mal einen Kriminalroman zu schreiben. Doch darin liegt die Tü einen guten Kriminalroman. Das hat nicht zuletzt Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff mit "Killmousky" belegt.  von Sonja Hartl

Ein "Seitensprung" mit Japans Yakuza

Glaubt man Peters, ist es ihm mit seinem ersten Kriminalroman so ergangen, wie es im wahren Leben oft auch mit dem Seitensprung ist. Es passierte einfach. Wenn seine Frau in der Wohnung der Familie auf dem Prenzlauer Berg in Berlin am Sonntagabend „Tatort“ sieht, dann ziehe er sich zurück, sagt Peters. Krimis als Lesestoff? Ebenfalls komplette Fehlanzeige. von Carsten Germis

Eine Krise der Ermittler? Dann steckt auch die Demokratie in der Krise

Gibt es sie also wirklich, die Krise der Ermittler im Kriminalroman?Wirtschaftlich ist das – wie jeder Gang in Buchhandlungen beweist – ganz offenkundig nicht der Fall. Doch auch ästhetisch, inhaltlich scheint der Ermittlerkrimi nicht totzukriegen zu sein. Er lebt, vielleicht sogar besser denn je. von Carsten Germis

(Eine mögliche) Zukunft des Ermittlerkrimis

Ein Fall, der in die traumatische Vergangenheit des Ermittlers führt, ist in vielen Kriminalromanen der Ausgangspunkt für eine möglichst tiefe Verstrickung der Hauptfigur in ihre Ermittlungen. In dem Krimi-Debüt der ehemaligen Polizistin P.M. Newton führen die belastende Vergangenheit und komplizierte Gegenwart aber weder zu irrationalem Verhalten noch besonderen Fähigkeiten, sondern Ned vertraut auf gute Polizeiarbeit. von Sonja Hartl

Wo sind sie, die Frauen?

Vielmehr verweisen die Bücher dieser Autorinnen auf die häufig vertretene Einschätzung, dass Frauen weniger Noir-Romane schrieben, weil sie sich stärker für Familiendramen und psychologische Spannung als gossenhafte Gewalt und Gesellschaftskritik interessieren. von Sonja Hartl

Das U und E des Kriminalromans

Sind Kriminalromane nur Unterhaltung, die verschämt gelesen wird? Oder haben Krimis es geschafft, in den Rang der "ernsthaften" Literatur aufzusteigen? Eine dumme Frage. Wer Krimis liest, braucht Maßstäbe dafür, ob ein Buch gut oder schlecht ist. Ob U oder schon ein bisschen E spielt dabei keine Rolle.  … von Carsten Germis

One for My Baby And One More for the Road

Was leichter fällt, wenn ein Stoff verfilmt wird oder in die Mühlen einer Fernsehserie gerät. Inspector one, two, three … sixteen. Sonntagsabends um 22.15. In der Woche in fünfundvierzig Minuten mit Werbeunterbrechung. Das Detectivleben als Familienmitglied. Sind wir nicht alle Opfer, wenn sich erst in 8 Folgen ein Mord aufklären lässt? von Wolfgang Franßen

Im deutschen Biedermeier rückt der Krimi nach rechts

Wäre da nicht noch diese Gegenübersetzung: Thriller rechts, Krimis links. McDermid beruft sich bei diesem Urteil auf ihren schottischen Kollegen Ian Rankin. Der Krimi stehe dem Status quo kritisch gegenüber – manchmal offen, manchmal subtil – und er gibt den Menschen eine Stimme, die es in der etablierten Welt nicht so angenehm haben – den Einwanderern, den Prostituierten, den Armen, den Alten, sagen die beiden und glauben, so ihre These zu stützen.  … von Carsten Germis

Rechts Links Geradeaus

Rechts, Links hat im letzten Jahrhundert so viel Unglück über die Welt gebracht. Wir haben uns in den globalen Kapitalismus gerettet, wo es nur noch heißt: als Flüchtling im Meer ertrinken oder verfettet im Reihenhaus ersticken?  … von Wolfgang Franßen

Ein Fuck macht noch keinen Pulp

In der narrativen Struktur und den Handlungselementen erinnert „Pulp Fiction“ also an die Pulp-Hefte, zugleich unterläuft Quentin Tarantino mit der tatsächlichen filmischen Ausgestaltung aber die Genreschemata, indem er vertraute Situationen aufbaut und sie einen unerwarteten Verlauf nehmen lässt. von Sonja Hartl

Kawaii, kawaii

In Japan wünschen die Männer Frauen möglichst kawaii – süß, niedlich, kindlich. Warum Japanerinnen zur Femme fatale werden wollen, hat Krimi-Autorin Natsuo Kirino anschaulich erzählt. von Carsten Germis

Märchenland ist abgebrannt.

Wedekind ging bei seiner Lulu so weit, dass er die Wahrheit über die Männer, die sie umgarnten, nicht ertrug. Also musste Jack The Ripper her, um sie zu meucheln, die männliche Ehre wieder herzustellen. Als Lustobjekt ausgestellt, wagte sie doch zwischen den Zeilen zu fragen, woher sie denn stamme. von Wolfgang Franßen

Fatalität des Begehrens – Gefährliche Frauen und hardboiled-Männer

In einer Zeit, in der die Moral vorsah, dass für eine Frau erzwungener Sex schlimmer als der Tod sei, macht diese Aussage auch deutlich, dass dieses Diktum für Brigid nicht zutrifft. Für sie ist Sex vielmehr ein Weg, um den Tod zu Männern zu bringen. von Sonja Hartl

Ani und die markerschütternde Seelenpoetik

Noch nie zuvor gab es eine derart große Kluft in der deutschen Krimilandschaft: auf der einen Seite wird gemetzelt, was das Zeug hält; fließen literweise Blut und sonstige Körperflüssigkeiten. Auf der anderen Seite verirren sich die Ermittler in Landschaftsidyllen, mundarteln sich mit ihren Alltagsbanalitäten durch die Republik und witzeln und frotzeln und mosern in literarischer Harmlosigkeit von Region zu Region. von Nicole Korzonnek

Schattenseiten der Wirklichkeit

Deutsche Autoren könnten Regional- und Soziokrimi, aber keinen Noir. So lautet eine weit verbreitete Behauptung, der zumindest zum Teil widersprochen werden muss. Denn es gibt sie, die deutschsprachigen Krimiautoren, die in der Tradition von Chandler, Hammett und Goodis, von Manchette und Malet stehen. Sie sind nur nicht so populär, wie sie sein sollten. von Sonja Hartl

Zaunkönige

Islamisten im Schafspelz einer friedlichen Opposition, wechselnde Allianzen, das Für und Wider mit Blick auf ein stärkeres, deutsches Engagement im Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern und die Frage, ob wir alleine – oder zusammen mit Europa – eine andere Rolle spielen können als die USA. Der Nahe Osten fasziniert wie ein unheilvolles und dunkles Kristall. von Jörg Walendy

Die Familie – Hort der Macht und Sicherheit

Bis ins Jahr 1969 waren italienischstämmige Gangster in der Literatur und im Film meist Schurken, Figuren ohne Hintergründe, eindeutig böse. Dann erschien ein Roman, in dessen Mittelpunkt eine italienische Familie steht und der sich noch vor der Verfilmung über 21 Millionen Mal verkaufte. In Mario Puzos „Der Pate“ wird von Verbrechern erzählt, die Familie haben, Väter, Söhne, Brüder und Ehemänner sind, die vor dem Mord gemeinsam Spaghetti essen und Cannoli besorgen – und deren unverbrüchlicher Zusammenhalt die Grundlage ihres Einflusses ist. von Sonja Hartl

Zwischenweltengänger mit eigener Wirklichkeit

Die Magliana-Bande wurde zunächst durch de Cataldo in den 90ern zu Geschichte, bevor er sie 2002, nach fünf Jahren zusätzlicher und intensiver Recherche, mit seinem Thriller „Romanzo Criminale“ zur Legende machte. In seinem Buch, inzwischen zweimal höchst erfolgreich für Kino und Fernsehen verfilmt, verbindet der schriftstellernde Richter Fakten mit Fiktion. von Nicole Korzonnek

Einmal Mafioso sein

Neben dem Kolosseum und la dolce vita gehört zum Kulturgut des Deutschen, wenn er an Italien denkt, das Chaos. Angesichts von „Mafia Capitale“, in der sich Faschisten, Politiker, Kriminelle, Beamte wie Unternehmer gegenseitig die Bälle zuschoben, äußerst folkloristisch. Die Mafia gehört zum Gut des Tourismus. Wer fährt schon nach Sizilien, ohne an die Cosa Nostra zu denken? Italien der Operettenstaat. Rom unterwandert. Korruption all überall. von Wolfgang Franßen

Nowhere is a better place to be.

Die Straße. Wer kennt sich auf so einem unwirtlichen Ort besser aus als Cormac McCarthy? Aus seinen Büchern fällt die Trostlosigkeit einer zu langen Reise aus den Seiten. Viele seiner Helden leben in No Country, No Home, No Stay. Geradezu aus dem Kofferraum des ständigen Wechsels heraus. Ein Gefühl, das wir als Leser allzu gerne teilen, wenn wir gerade mal wieder einen Umbruch durchleben. von Wolfgang Franßen

Am Anfang war der Ort

Die Kriminalschriftstellerin P.D. James sucht zuerst nach einem Schauplatz für ihren Roman, dann nach Plot und Charakteren. Der Ort, an dem der Kriminalroman spielt, schafft vor allem Atmosphäre. Hier agieren die Charaktere. Hier leben sie, hier handeln sie … Dabei ist es zu schlicht, den Gegensatz zwischen Provinz als heimeligem Krimi auf der einen und dem Dschungel der Großstadt für den Noir auf der anderen Seite aufzubauen. von Carsten Germis

Morden Israelis anders?

Jeder kennt hier seine eigene Wahrheit und von Deutschland aus kann es leicht wohlfeil wirken, die Ereignisse aus der Sicht der einen oder der anderen Seite zu kommentieren. Wer außer den Betroffenen weiß schon wirklich, wie es sich anfühlt, in Khan Younis oder in Aschkelon Schutz vor Raketen und Granaten suchen zu müssen? Und dennoch: die Bilder und die damit verbundenen Gefühle von Mitgefühl, Angst, Schuld und manchmal Hass sind da. von Jörg Walendy

Schräg, skurril und schrullig: Auszeit in Südostasien

Es hat seinen Grund, wenn ein Autor aus dem Westen mitsamt seinen Figuren in den Osten geht: Der in London geborene Colin Cotterill lässt sein Ermittler-Team Ende der 1970er Jahre in Laos, dem einzigen Binnenstaat Südostasiens, eine Handvoll skurrile Morde aufklären. In dem dünn besiedelten kommunistischen Land wartet ein Leben jenseits von Hektik und Stress. Allerdings auch jenseits des technischen Fortschritts und zeitgemäßen Equipments. von Michaela Hövermann

Topographie der Macht

Zwei Italiener, zwei Geheimbünde: Gennarino Sorrentino lebt in Neapel und schlägt sich durchs Lebe, Silvio Balestri ist nach New York ausgewandert und träumt davon, einen zweiten Turm zu Babel zu bauen. In Sorrentinos Leben tritt die Camorra, in Balestris eine geheime Organisation von Architekten. Diese mächtigen Bündnisse vereiteln die Zukunftspläne dieser jungen Italiener und üben einen nahezu grenzenlosen Einfluss auf ihre Leben aus. von Sonja Hartl

Zerreißproben für die Liebe

Für die meisten Ermittlerinnen und Ermittler im Krimi ist der Beruf Berufung und nicht nur fachlich, sondern auch ethisch eine nie endende Herausforderung. Moralisch standhalten, sich nicht korrumpieren lassen, ein empfindsamer und empathischer Mensch bleiben. Ist das angesichts dessen überhaupt möglich? Oft genug bleibt im Privatleben das Wertvollste, was zwei Menschen verbinden kann, auf der Strecke: die Liebe. von Michaela Hövermann

Die weiche Stelle

Gute Krimis, egal ob Hardboiled & Polar, klassische Whodunits oder Spionage-Thriller wie Enigma oder Smiley's People sind verdammt oft Liebesgeschichten. Oder Geschichten über das, was mit ihr zusammenhängt: Enttäuschung und Verrat. Liebe übermannt einen oftmals so plötzlich und mit einer irrationalen Urgewalt wie das Böse: also wie ein Verbrechen. Sie ist etwas sehr Ursprüngliches, Animalisches, Existentielles – wie ein Verbrechen. von Sebastian Kern

Frühlings Erwachen, arabisch

Wer sollte das nicht gutheißen, wenn die Gefühle zwei zuvor verfeindete Seiten zusammenbringen? Wer? Nun ja, der Plot. Denn wenn die Liebe als deus ex machina in Erscheinung tritt, dann kann ihr Einsatz billig wirken. Warum sollte ich über Seiten einen Konflikt mit unversöhnlichen Gegnern konstruieren, um dann binnen weniger Zeilen alle Zerwürfnisse unter Verweis auf die Liebe einzuebnen? von Jörg Walendy

Das Leid der Liebenden

Es entstanden romantisierte Versionen ihrer Geschichte, und das liebende Verbrecherpaar [Bonnie und Clyde] wurde zum Mythos, der vor allem aus Aussichtslosigkeit der Liebe, der Bedingungslosigkeit des Zusammenhalts und der Faszination für das Verbotene besteht. Jedoch zeigt ein Blick auf zwei Bücher von Cornell Woolrich und Jim Thompson, dass die Verbindung aus Verbrechen und Liebe nicht zweifellos romantisch sein muss. von Sonja Hartl

Geliebtenmörder, japanisch

Keigo Higashino ist in Japan einer der bekanntesten und beliebtesten Krimiautoren. In zwei seiner jetzt ins Deutsche übersetzten Bücher geht es natürlich um Mord. Vor allem aber geht es um die Liebe. Manchmal muss einfach morden, wer wahrhaft liebt. von Carsten Germis

Think Big

Was treibt Autoren dazu an, ihre Geschichten jenseits der Grenzen anzusiedeln? Nicht etwa einen Protagonisten kurz einen Ausflug ins Ausland unternehmen zu lassen, sondern sich bewusst ein Land auszusuchen, das unweigerlich zum Gegenstand einer Geschichte wird. Betrifft es die eigene Biografie, liegt die Antwort auf der Hand und jeder Psychologe wird schnellhin ein Urteil fällen, der Autor hat etwas zu bewältigen. Nicht selten eine Kindheit, die verarbeitet werden muss. von Wolfgang Franßen

Achtung, Suchtgefahr!

Die Sätze sind kurz und griffig, der Stil direkt: Lee Child schreibt schlicht und schnörkellos. Ganz sicher nicht das, was man unter einem anspruchsvollen Kriminalroman versteht, sondern eher das, was in die Kategorie „Guilty Pleasure“ fällt. Aus der Hand geben mag man die Bände, die sich als wahre Pageturner erweisen, dennoch nicht. Der Grund dafür? von Michaela Hövermann

Sherlock Holmes und die Spannung in der Kriminalerzählung

Es gibt beim Erzählen zwei Arten von Fragen, die kausale Zusammenhänge aufzeigen. Wer war's? Und: Was passiert wohl als nächstes? In der klassischen Kriminalerzählung von Sherlock Holmes bis zu den Rätselkrimis der Agatha Christie findet sich dieses Element der Spannung wohl in der klarsten und am stärksten ausgeprägten Form.
von Carsten Germis

Es muss Mord sein

Zur Suspense bei Hitchcock gehören also Emotionen und Neugier, die Erwartungen des Publikums, dass etwas geschieht – oder ein Ereignis verhindert wird. Suspense ist eine unterschwellige Anspannung, eine Unsicherheit, ein Zweifeln. Diese Art von Suspense durchzieht Anne Goldmanns „Lichtschacht“, dessen zugrundeliegender Kriminalplot allein schon an einen Hitchcock-Klassiker erinnert. von Sonja Hartl

Bitte, bringen Sie mich um.

Wie sieht aber ein Mord ohne Motiv aus? Kann es den überhaupt geben? Stellen wir uns vor: Ich wache morgens auf und bin glücklich. Würde ich dann morden? Aus Versehen? Weil ich in eine Schlägerei gerate und mir nur die Notwehr bleibt? Was hätten wir tun sollen, uns selbst töten lassen? Der Mann hatte schließlich ein Messer auf uns gerichtet, also mussten wir ihn mit dem Stein erschlagen. von Wolfgang Franßen

Motiv: Aussichtslosigkeit

Juristisch ist es ein Unterschied, ob ich einen Menschen töte, um an sein Geld zu kommen oder um einen anderen Menschen zu beschützen … Was ist jedoch, wenn Handlungen kein Ziel haben und der Handelnde in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der kriminelle Taten nicht als kriminell bewertet werden? Entziehen sich diese Taten, die aus reiner Aussichtslosigkeit begangen werden, einer Deutung? von Sonja Hartl

Nieder mit der Literatur, her mit dem Sound.

Wer einem Autor verfallen ist, schwärmt von der Art, wie er die Menschen beschreibt, eine Stadt spiegelt, eine Landschaft ausbreitet. Von Sprache, von Rhythmus, von dem, was zwischen den Zeilen steht. Die Worte können plötzlich stehenbleiben oder ganze Sätze über die Seiten fliegen, Dialoge sich dadurch auszeichnen, was nicht gesagt wird. Manchmal reicht ein Blick, eine Geste, ein Lächeln. von Wolfgang Franßen

Krimi & Musik

Von Stephen Kings Vorliebe für den Sex-Pistols-Song Anarchy in the UK über David Peaces Wertschätzung für Grind Core und Death Metal bis zu Cathi Unsworths Tätigkeiten beim Kunstagazin Purr, das EPs von Bands wie Gallon Drunk, The God Machine und Therapy? beilegte, verbinden sich hier music and crime. Außerdem gibt’s einen Blick in die Top-10-Songlisten von Autoren. von Markus Naegele

Ende der Diskussion?

Let’s take the Shit out of the Storm! In Zeiten wie diesen, da Qualitätsjournalismus zunehmend durch hastige und einseitige Berichterstattung substituiert wird, gewinnt die Partizipation des Einzelnen im Netz und auf der Straße an Bedeutung. Montagsdemo-Comeback, Online-Meinungspluralismus. Das heißt für jeden Einzelnen auch: Nachdenken, hinterfragen, tolerieren. Nicht einfach dummdoof teilen und retweeten. Sturm laufen – aber richtig! von Thomas Zorbach

Wir gegen die

Die Welt ist nicht zu retten. Von wem auch? Wer hat die eine Wahrheit, den einen richtigen Weg für alle? Die Religionen, die sich seit Jahrtausenden gegenseitig bekriegen? Die Politiker, die sich selbst nicht über den Weg trauen würden, wenn sie sich auf der Straße begegnen könnten? Chinesische Staatsdoktrien? Amerikanischer Weltrettungskomplex? Vielleicht ist die Welt erst dann gerettet, wenn es niemanden mehr gibt, der darüber nachdenkt. von Wolfgang Franßen

Wer kann, rettet sich selbst. So wie die Roma.

Rettung in die Fußgängerzone, Rettung in die Armut. Rettung insofern, als dass hier wenigstens keiner scharf schießt auf die Pappkartons unter der Brücke. Von Mitleid bis Ekel ist für „diese Zigeuner“ alles dabei vom Betrachter, von uns. Aber wohin retten wir uns? In Konsum und Partys, in die Lügen der Medien, die uns eintrichtern, dass wir es doch gut haben und nicht klagen können? Lieber mal genauer hinsehen, auf uns, auf „die“. Vielleicht auch mal nachdenken. von Eberhard Nembach

Von den Mythen, die wir so sehr lieben.

Gibt es etwa eine Alternative zum Arztbesuch? Gibt es für einen Kriminellen einen besseren Ort als hinter hohen Mauern und Stacheldraht? Gibt es eine Alternative zur gesellschaftlichen Ächtung, zum Gefängnis? Egal, ob einer als noch größeres Monster wieder auf die Menschheit losgelassen wird. Es kommt auf den Mythos an, den Glauben daran. Eine Demokratie ohne Gefängnisse ist nicht vorstellbar. von Wolfgang Franßen