Liebe Leserinnen, liebe Leser,

diesmal fällt mir das Editorial ziemlich leicht. Wie sehr der Begriff Noir in den letzten Jahren ausgehöhlt wurde, davon brauchen wir uns lediglich auf den Büchertischen in den Buchhandlungen zu überzeugen. Viele der Autoren im Polar Verlag sind dem Noir zugeneigt. Deswegen bin ich voreingenommen und würde gleich gegen alles loszetern wollen, was sich auf dem deutschen Buchmarkt so als „Noir“ brüstet. von Wolfgang Franßen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

geben wir es zu, wir alle vermissen den Kalten Krieg. Wie einfach war die Sicht auf die Welt: West gegen Ost, Sozialismus gegen Kapitalismus. Und auf beiden Seiten nichts als bleiernes Bürokratendenken, wenn nicht gerade eine schillernde Gestalt die Welt rettete. Auch die Themen waren übersichtlich. Die atomare Gefahr, der Diebstahl von geheimen Rüstungsplänen, das Topthema überhaupt: der Maulwurf. Aus und vorbei. Eine Mauer schützt uns nicht länger vor der Roten Gefahr. Oder ist sie gegen die westliche Dekadenz errichtet worden? von Wolfgang Franßen

Editorial

Der Skandinavien-Krimi ist tot. Seien wir doch ehrlich. Er hat die Seiten gewechselt und versprüht seine Wirkung neuerdings im Fernsehen. Das Sozialdrama ist von deutschen Autoren so häufig abgekupfert worden, dass wir das Original nun belächeln. Auch in Wuppertal regnet’s. Im Allgäu soll es dieses Jahr sogar geschneit haben. Was ist also mit dem Hype, den viele Marketingabteilungen anstarren, als könne der Patient wiederbelebt werden? Stehen wir nur vor der nächsten Welle, die uns wieder ratlos mit der Frage zurücklässt, wie konnte es nur dazu kommen? von Wolfgang Franßen

Der König ist tot, es lebe der König

Und dann kamen die Siebziger, Drogen, die Verlockung, noch schneller noch reicher zu werden. Es galt plötzlich nicht mehr, die Familie zu schützen, sondern die Organisation. Nicht mehr in einem Stadtteil, sondern im ganzen Staat. Postmodern gesagt ist jeder ersetzbar. Die früheren Gangster zogen sich in Schutzzonen zurück, gingen auf die Matratzen, aus denen sie so lange nicht vertrieben wurden, wie ihre kleine Armee bestehen blieb, die Korruptionspipeline in die Stadtverwaltung kein Leck aufwies. von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
wann begegnet uns der nächste große Gangster in einem Buch oder auf einer Leinwand, der gleich eine ganze Saga begründet? Die Serienmörder haben längst die Sammelalben erobert. Was zeichnete den Gangster früher aus, dass er sich zum Stammgast auf unseren Nachttischen aufschwang? Dass wir seinem Schicksal andächtig folgten und ihm die Verhaftung, aber nicht den Tod wünschten? Dass wir nicht genug von ihm bekommen konnten, wenn er so operettenhaft wie der Pate auftrat?  von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
das Wort Loser klingt ins Deutsche übersetzt viel härter: Verlierer. Das klingt gleich nach ausgestoßen, Sozialamt vierter Stock, Zimmer 304. Hätten wir mit der deutschen Variante genauso schnell ein Nachsehen wie mit der sympathischen englisch/amerikanischen Loser-Variante, die nie etwas auf die Reihe bekommt? Zur falschen Zeit am falschen Ort auftaucht. Einen Coup nach dem anderen plant, ohne wirklich zu Geld zu kommen. von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
die Liste ist lang und beständig. Auf ihr werden die Namen selten gelöscht und sie verlängert sich mit den Jahren. Wer würde schon Leonard, Hammett und James M. Cain davon streichen wollen, Sallis, Willeford oder Pelecanos nicht nach der ersten Begegnung mit ihnen daraufsetzen wollen. Manchmal taucht im Social Media der Aufruf nach den zehn besten Krimiautoren auf. Keine einzige geht ohne amerikanische Autoren online. von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
seien wir doch mal ehrlich, wer verträgt schon Kritik? Am Theater, wo jeder von sich behauptet, entweder keine zu lesen oder dass Kritiken einen weiterbringen, sind sie gefürchtet. Von Inkompetenz bis persönlicher Rachefeldzug reichen da die Etiketten. Schlimmer als Kritik ist keine Kritik, lautet die Höchststrafe. Auch bei Lesern unterscheiden sich die Urteile gravierend. von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
die Büchse der Pandora. Wehe, wenn sie einer öffnet. Was machen Verlage falsch, was machen sie richtig? Schon bei den ersten Büchern, die überhaupt gedruckt wurden, stellte sich die Frage, wer will das lesen? Als die Menschheit sich ihre Geschichten am Lagerfeuer erzählte, war das einfacher. Sie unterlagen gleich dem Urteil der Zuhörer, die entweder gebannt an den Lippen eines Erzählers hingen, oder ihnen fielen die Augen nach ein paar Minuten zu. von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

es könnte so einfach sein. Historische Kriminalromane orientieren sich schließlich an Ereignissen, die längst geschehen sind. Wo liegt also das Problem? Und warum gibt es, gelinde gesagt, so viele schlechte Krimis, die sich dem Zeigefinger anvertrauen oder auf falsche Fakten beruhen? von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
großes Tennis, nicht selten betrachten Literaten ihr eigenes Werk so, wenn sie die Würdigungen im Feuilleton und bei den Lesern entgegennehmen. Landauf, landab sprechen wir schließlich von Literatur, wenn es um Sprache geht. Wen überrascht es da, dass viele Literaten es als Abstieg betrachten, als etwas, für das sie sich eigentlich entschuldigen müssten, wenn sie auf den Gedanken kommen, einen Krimi schreiben zu wollen.  von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

wie gerne sehen wir ihnen bei der Arbeit zu. Vor allem, wenn sie selber ein Problem haben. Kennen wir doch auch. Im deutschen Krimiwesen gibt es nichts Zuverlässigeres als den Ermittler. Lässt sich der Erfolg der Ermittler/Innen, selbst wenn sie aus anderen Ländern stammen, nicht vor allem darauf begründen, dass wir in ihnen ein Stück deutsche Gründlichkeit entdecken?  von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
alles grün, alles Pub. Dann diese Musik und diese Erzähler/Innen. Sofort leuchten die Augen vieler Leser auf. Irland. Heimstätte guten Whiskeys. Paradies der Folkmusic. Wären da nicht Nordirland und Belfast. Wären da nicht der Celtic Tiger und der Bankencrash. Von der katholischen Kirche ganz zu schweigen. Irische Schriftsteller haben in den letzten Jahren ziemlich aufgeräumt mit der romantischen Vorstellung einer vom Meer umbrausten Insel. von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
seien wir ehrlich, was wäre der deutsche Leser ohne das leidige Thema E und U? Die einen sehen sich als Hüter des Heiligen Grals, die anderen als Eroberer, als Schleifer eherner Festungen. So schwappt einmal im Jahr aus den Untiefen des Feuilletons die Frage auf, was nehmen die anderen sich da eigentlich heraus, ein solches Urteil zu fällen?! Ist nicht alles Literatur? … Wolfgang Franßen

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
wissen Frauen mehr über Männer, als Männer über Frauen? Die jeweilig andere Seite wird den Kopf schütteln und behaupten: unmöglich. Wenn also im Genre eine Schriftstellerin einen männlichen Protagonisten erwählt, ein Mann eine weibliche Ermittlerin in den Mittelpunkt rückt, erfahren wir dann als Leser eine unbekannte Sicht auf das andere Geschlecht, brechen Autor/Innen womöglich mit tradierten Rollen, oder greifen die Stereotypen tiefer und entwickeln ihre Klischees? von Wolfgang Franßen

One for My Baby And One More for the Road

Was leichter fällt, wenn ein Stoff verfilmt wird oder in die Mühlen einer Fernsehserie gerät. Inspector one, two, three … sixteen. Sonntagsabends um 22.15. In der Woche in fünfundvierzig Minuten mit Werbeunterbrechung. Das Detectivleben als Familienmitglied. Sind wir nicht alle Opfer, wenn sich erst in 8 Folgen ein Mord aufklären lässt? von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
mal ehrlich, wollen wir immer dasselbe lesen? Natürlich sagt jeder gleich nein.  Doch der Büchermarkt finanziert sich über die zuverlässigen Titel, mit denen das weitere Programm über Wasser hält, jene Titel, die die Erwartungen erfüllen, die Leser an Verlag und Autoren stellen?  Es ist kein Geheimnis, dass Agenten eingereichte Manuskripte auf ihre Serienfähigkeit überprüfen. Schließlich wollen Leser, haben sie einen Ermittler erst mal in Herz geschlossen, mehr von ihm lesen. von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
was ist links, was ist rechts? Erschütterte die Frage ideologisch noch das letzte Jahrhundert, ist sie nun zu einem Spiel verkommen. Wer sie im Krimi stellt und gleich wie Val McDermid im Guardian eine Provokation in die Welt setzt, der Krimi sei links, der Thriller rechts, muss auf Widerspruch gefasst sein. In unserer heutigen Zeit stellen wir dem globalen Kapitalismus eher Ratlosigkeit als Fundament gegenüber? Und das Genre? Hat es einen Wandel durchlebt? … von Wolfgang Franßen

Rechts Links Geradeaus

Rechts, Links hat im letzten Jahrhundert so viel Unglück über die Welt gebracht. Wir haben uns in den globalen Kapitalismus gerettet, wo es nur noch heißt: als Flüchtling im Meer ertrinken oder verfettet im Reihenhaus ersticken?  … von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
Komik. Also da können wir doch alle mitreden. Auf nichts versteht der Deutsche sich seit einigen Jahren mehr. Mitunter wird das im Ausland auch als Humor verbucht, wenn es ausnahmsweise nicht brüllend komisch, teutonisch zwischen den Zeilen scheppert. Komik und Krimi. Ja, rufen die Buchhändler, verkauft sich gut. Und nicht selten sind die Cover auch so gestaltet, dass sie einem entgegenspringen. Die Verlage haben gelernt, fleißig voneinander abzukupfern. von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
mal ehrlich, ist unser Zeitalter nicht Pulp? Wie zu einem Groschenheft zusammengestellt kommen einem die politischen Themen vor, die in den Nachrichten auftauchen und zu jeder Zeit online geschaltet sind. Wir selbst Randfiguren, die um Bedeutung ringen. Ein Grund, sich im Genre einmal dem Begriff Pulp zu nähern. von Wolfgang Franßen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
natürlich ist der Mythos der Femme Fatale nicht der erste, der sich überlebt hat, weil die Zeit über ihn hinweggegangen ist.  Der Friedhof mit ehemaligen Heroen des Genres ist riesig. Auch wenn die Femme Fatale sicher in einem rosenumkränzten Mausoleum untergebracht ist. von Wolfgang Franßen

Märchenland ist abgebrannt.

Wedekind ging bei seiner Lulu so weit, dass er die Wahrheit über die Männer, die sie umgarnten, nicht ertrug. Also musste Jack The Ripper her, um sie zu meucheln, die männliche Ehre wieder herzustellen. Als Lustobjekt ausgestellt, wagte sie doch zwischen den Zeilen zu fragen, woher sie denn stamme. von Wolfgang Franßen

Editorial

da ist sie wieder, die Frage aller Fragen: Können deutsche Autoren Krimis schreiben? Ein schallendes Gelächter schlägt einem sogleich  von den Autorenvereinigungen entgegen. Namen prasseln auf den Spötter ein und nicht selten wird auf die Bestsellerlisten verwiesen, auf denen deutsche Autoren fest verankert sind. Ist dies nun Schrebergartendenken oder hat sich der deutsche Krimi international bewährt? von Wolfgang Franßen

Einmal Mafioso sein

Neben dem Kolosseum und la dolce vita gehört zum Kulturgut des Deutschen, wenn er an Italien denkt, das Chaos. Angesichts von „Mafia Capitale“, in der sich Faschisten, Politiker, Kriminelle, Beamte wie Unternehmer gegenseitig die Bälle zuschoben, äußerst folkloristisch. Die Mafia gehört zum Gut des Tourismus. Wer fährt schon nach Sizilien, ohne an die Cosa Nostra zu denken? Italien der Operettenstaat. Rom unterwandert. Korruption all überall. von Wolfgang Franßen

Editorial

Eigentlich hätten in der ersten Ausgabe der Gazette 2015 die Leser zu Wort kommen müssen. Schließlich kennt sich jeder mit der Mafia aus. Egal, ob Soprano-Fan oder Vito-Corleone-Anhänger oder auch Boardwalk-Empire-Dauerseher. Wir sind ständig auf der Suche nach der neuesten Lieferung Schnaps, dem hinterhältigsten Verrat, der Korruption. Die Mafia ist zur Ikone des Genres gewuchert. von Wolfgang Franßen

Nowhere is a better place to be.

Die Straße. Wer kennt sich auf so einem unwirtlichen Ort besser aus als Cormac McCarthy? Aus seinen Büchern fällt die Trostlosigkeit einer zu langen Reise aus den Seiten. Viele seiner Helden leben in No Country, No Home, No Stay. Geradezu aus dem Kofferraum des ständigen Wechsels heraus. Ein Gefühl, das wir als Leser allzu gerne teilen, wenn wir gerade mal wieder einen Umbruch durchleben. von Wolfgang Franßen

Editorial (Dezmber 2014)

Mal ehrlich, wie oft wollten Sie schon weg, hatten einfach die Schnauze voll? Haben gedacht: Die können mich alle mal, sollen sie doch schauen, wie sie ohne mich zurechtkommen? Ich fahre in den Süden, ich fliege über den großen Teich, irgendwohin, wo mich keiner findet. Überall ist es besser als hier. Ich fange neu an. Und sind geblieben. Haben vielleicht mal die Wohnung gewechselt, den Mann, die Frau, den Beruf, den Fernseher. von Wolfgang Franßen

Editorial (November 2014)

Wir sind so stolz darauf, dass wir unterschiedlich sind. Belgier und Deutsche, Russen und Polen, Amerikaner und der Rest der Welt. Wir glauben zu wissen, wie die jenseits unserer Grenzen leben und denken. Weltweit gibt es eine kriminelle Carta der Selbstverständlichkeit: Mittelamerika Drogen, Asien Kinderprostitution, Italien Wirtschaftskriminalität, Syrien, Libyen, Irak alles religiöse Fanatiker. von Wolfgang Franßen

Editorial (Oktober 2014)

Wer da an die Schwemme mörderischer Eifersucht denkt, die sich im Genre austobt, wird ein Auge zudrücken und zugeben, dass es durchaus vorkommen kann, dass jemand wegen eines einzigen Gefühls durchdreht. Bei der Analyse eines so verkaufsträchtigen Marktes wie des Psychothrillers werden wir leicht zu der Meinung kommen, alles Mörderische beruht auf nachgetragener Liebe, auf dem Verlust, auf der Abwesenheit, der Kränkung. von Wolfgang Franßen

Think Big

Was treibt Autoren dazu an, ihre Geschichten jenseits der Grenzen anzusiedeln? Nicht etwa einen Protagonisten kurz einen Ausflug ins Ausland unternehmen zu lassen, sondern sich bewusst ein Land auszusuchen, das unweigerlich zum Gegenstand einer Geschichte wird. Betrifft es die eigene Biografie, liegt die Antwort auf der Hand und jeder Psychologe wird schnellhin ein Urteil fällen, der Autor hat etwas zu bewältigen. Nicht selten eine Kindheit, die verarbeitet werden muss. von Wolfgang Franßen

Editorial (September 2014)

Ein Jahr Polar Gazette. In so einem Fall sagt man gerne, wer hätte das gedacht? In unserem Fall jedoch war es eher so, dass wir blauäugig hofften, Leser für ein Online-Magazin zu finden, das sich jenseits der im Genre üblichen Rezensionsportale Themen öffnet, die den übergreifenden Fragen nachgehen. Auch als Plattform für die Macher des Genres verstanden, die sich durch Gastbeiträge zu Wort melden. von Wolfgang Franßen

Editorial (August 2014)

Wer nicht unbedingt an der puren Mördersuche interessiert ist, lässt sich vor allem durch Szenen verleiten, die Fragen aufwerfen, die uns mit einem Satz zurücklassen, der uns nicht befriedigt. Natürlich gilt weit verbreitet die Blutorgie oder der Explosionswahn oder die Verfolgungsjagd als Krönung jeglicher Spannung. Was den Suspense ausmacht, wie feingestrickt er zuweilen daherkommt, fragen wir uns in der Augustausgabe der Polar Gazette. von Wolfgang Franßen

Bitte, bringen Sie mich um.

Wie sieht aber ein Mord ohne Motiv aus? Kann es den überhaupt geben? Stellen wir uns vor: Ich wache morgens auf und bin glücklich. Würde ich dann morden? Aus Versehen? Weil ich in eine Schlägerei gerate und mir nur die Notwehr bleibt? Was hätten wir tun sollen, uns selbst töten lassen? Der Mann hatte schließlich ein Messer auf uns gerichtet, also mussten wir ihn mit dem Stein erschlagen. von Wolfgang Franßen

Editorial (Juli 2014)

in Agatha Christies 14. Kriminalroman Mord im Orient-Express kommt es am Ende, nachdem Poirot alle Anwesenden im Speisewagen des Mordes überführt hat, zu einer eigenwilligen Auslegung. Wahrscheinlich wurde der Roman auch deswegen so erfolgreich, weil er uns vorgaukelt, wir könnten uns gegen erlebte Ungerechtigkeit zur Wehr setzen, ohne bestraft zu werden. Was die Frage aufwirft, wozu missbrauchen wir das Motiv sonst noch? von Wolfgang Franßen

Nieder mit der Literatur, her mit dem Sound.

Wer einem Autor verfallen ist, schwärmt von der Art, wie er die Menschen beschreibt, eine Stadt spiegelt, eine Landschaft ausbreitet. Von Sprache, von Rhythmus, von dem, was zwischen den Zeilen steht. Die Worte können plötzlich stehenbleiben oder ganze Sätze über die Seiten fliegen, Dialoge sich dadurch auszeichnen, was nicht gesagt wird. Manchmal reicht ein Blick, eine Geste, ein Lächeln. von Wolfgang Franßen

Editorial (Juni 2014)

Von Musik versteht doch jeder etwas und vom Krimi auch. Oder? Wenn in der neuen Ausgabe der Polar Gazette die Frage nach dem Verhältnis zwischen Musik und Krimi gestellt wird, ist damit weniger die Frage gemeint, welche Musik höre ich, wenn ich einen Krimi lese. Das Genre benötigt normalerweise nicht so viel Einstimmung. Es ist kompatibel. von Wolfgang Franßen

Editorial (Mai 2014)

Liebe Leserinnen und Leser,
eigentlich machen wir uns ja mehr Sorgen darum, wer uns rettet, als dass sich einer darum schert, wie „Die Welt zu retten ist“. Je weiter wir von den Problemen entfernt sind, umso leichter wissen wir, wie das Übel in der Welt zu lösen ist. Ratschläge gibt es dann im Kilo, ungefragt, mit einem süffisanten Unterton vermischt. Ist die Welt noch zu retten?, fragen wir auch diesen Monat in der Gazette. von Wolfgang Franßen

Wir gegen die

Die Welt ist nicht zu retten. Von wem auch? Wer hat die eine Wahrheit, den einen richtigen Weg für alle? Die Religionen, die sich seit Jahrtausenden gegenseitig bekriegen? Die Politiker, die sich selbst nicht über den Weg trauen würden, wenn sie sich auf der Straße begegnen könnten? Chinesische Staatsdoktrien? Amerikanischer Weltrettungskomplex? Vielleicht ist die Welt erst dann gerettet, wenn es niemanden mehr gibt, der darüber nachdenkt. von Wolfgang Franßen

Editorial (April 2014)

Liebe Leserinnen und Leser,
in einem Interview mit der SZ behauptete William Dafoe, dass die intensivsten Momente im Leben oft jene seien, in denen man Grenzen überschreite – und wenn man das auf der Leinwand zeigen wolle, seien Gewalt und Verbrechen oft der beste Weg. Wenn sie nicht unbedingt reale Ereignisse nachspielen wollen, in denen Gewalt und Verbrechen profane Gründe haben, hüten Sie sich vor dem Gesetz. von Wolfgang Franßen

Von den Mythen, die wir so sehr lieben.

Gibt es etwa eine Alternative zum Arztbesuch? Gibt es für einen Kriminellen einen besseren Ort als hinter hohen Mauern und Stacheldraht? Gibt es eine Alternative zur gesellschaftlichen Ächtung, zum Gefängnis? Egal, ob einer als noch größeres Monster wieder auf die Menschheit losgelassen wird. Es kommt auf den Mythos an, den Glauben daran. Eine Demokratie ohne Gefängnisse ist nicht vorstellbar. von Wolfgang Franßen

Editorial (März 2014)

Liebe Leserinnen und Leser,
natürlich interessiert uns das nicht, wenn wir einen Krimi lesen. Ist doch egal, ob eine Story ein Whodunit, eine regionale Verwerfung, ein Fall aufgeklärt oder unaufgeklärt ist. Hauptsache, er ist spannend. Seine Figuren interessieren uns. Dann sind wir in der Lage, einiges zu ertragen und folgen einem Autor egal wohin. von Wolfgang Franßen

a rose is a rose is a rose

Nirgends ist die auslaufende Behäbigkeit einer Epoche sich selbst so genügend widergespiegelt worden wie in den Krimis von Agatha Christie. Bei ihr widersetzt sich das 19. Jahrhundert dem Verfall. Eingelullt in die Sanftmut der religiösen Gerechtigkeit am Ende des Tages. Nicht selten in einem scheindemokratischen Zirkel von Verdächtigen triumphiert die Macht der Gerechtigkeit. von Wolfgang Franßen

Editorial (Februar 2014)

Liebe Leserinnen und Leser,
nach einem anstrengenden Tag im Büro wollen wir uns einem vertrauten Cop, einem verschrobenen Private Eye an die Hand geben, damit er faszinierende Notlagen mit Bravour und messerscharfem Verstand meistert. Gib mir einen Mord zum Entspannen. Die Verfallszeit von Krimigeschichten ist umso höher, je mehr wir sie lesen. Umso lieber erinnern wir uns an unsere erste Begegnung. von Wolfgang Franßen

Morgen in der Früh bist du tot.

Gestern wollte ich meine Frau umbringen, aber die hat ja nie Zeit. Also habe ich lieber einen Kriminalroman gelesen, um mich auf den neuesten Stand zu bringen. Ich habe schon daran gedacht, sie von jemand anderem umbringen zu lassen. So wie in Patricia Highsmiths Zwei Fremde im Zug. Aber zum einen fahre ich nicht gerne Zug und zum anderen muss ich erst einmal jemanden kennenlernen, der gerade seine Frau umbringen will. von Wolfgang Franßen

Editorial (Januar 2014)

Liebe Leserinnen und Leser,
zu Halloween ziehen Kinder von Haus zu Haus und rufen: "Süßes oder Saures". Unter dem Weihnachtsbaum liegt eine DVD, auf der Santa Claus mit der Kettensäge in Einzelteile zerlegt wird. Im Januar füllen sich die Kaufhäuser mit Draculazähnen, Zombiemasken mit Trinkeinlass oder abgetrennten Händen, die auf der Karnevalssitzung als Tischdekoration dienen. Horror ist in. von Wolfgang Franßen

Alles ist erlaubt

Wir haben unsere Unschuld als Leser längst verloren. Wir wissen zu viel über die Welt, können im Netz gleich alles googeln. Transsylvanien liegt nicht mehr unentdeckt in Siebenbürgen wie noch zu Bram Stokers Zeiten. Das dunkle, schwarze Loch, das nur das Böse in sich tragen kann, muss sich immer wieder neu erfinden oder gnadenlos abkupfern, wo es den gewünschten Erfolg bereits erzielt hat. von Wolfgang Franßen

Editorial (Dezember 2013)

Liebe Leserinnen und Leser,
wie oft müssen wir uns angesichts der Realität kneifen und nicht selten folgt der Spruch, hätte ich das in einem Film gesehen oder in einem Buch gelesen, ich würde denken, da hat sich aber ein feiner Spinner was ausgedacht. Die goldene Regel lautet: Die Realität erfindet die besten Geschichten. Es lohnt sich also zu recherchieren und ihr so viele Geschichten wie möglich abzuringen. von Wolfgang Franßen

Als ich einmal James Ellroy interviewen sollte

Dass ein nicht stattgefundenes Interview womöglich dazu führt, dass die Fragen im Kopf, sich aus den Antworten früherer Interviews zusammenstellen, dazu kam es in einem Kölner Hotel, als James Ellroy einfach nicht auftauchen wollte.
von Wolfgang Franßen

Editorial (November 2013)

Liebe Leserinnen und Leser,
Tatorte gelten gemeinhin als jene Orte, an denen Leichen gefunden werden, obwohl ein Mord sich mitunter auch an anderer Stelle ereignet hat. Ein Schriftsteller wird also genau überlegen, wo er die Tat hinverlegt. Die neue Ausgabe der Polar Gazette interessiert die Frage, ist es so, dass Autoren nur an einem bestimmten Ort den kriminellen Neigungen ihrer Protagonisten nachgehen können? von Wolfgang Franßen