George Smiley ist wieder da. Ein neuer Kalter Krieg, oder: Was soll uns das?

Als das Schachbrett weltpolitisch nicht mehr funktionierte, war das für viele Menschen ein Grund, damit auch den „klassischen“ Polit-Thriller für erledigt zu erklären. Die Persistenz dieser Vorstellung von Polit-Thriller allerdings ist schon bemerkenswert. Und selbst in der Negation bleibt das Muster bestehen… von Thomas Wörtche

Licht und Dunkel

Nachdem Südeuropa, die deutsche Sehnsuchtsgegend seit dem 18. Jahrhundert bis zur bundesrepublikanischen Tourismusflut der 1950er und 1960er-Jahre abgenutzt war, kam der Norden dran. Zumal der Süden, die Toskana (die Grünen) und Malle & Co. (proll) keinen Distinktionsgewinn mehr abwarfen, kam „das Nordische“ wieder auf, dort wo Alk teuer und die Interieurs schick sind. von Thomas Wörtche

Gangster oder kleinkriminelle Lumpis?

Auch wenn wir mitdenken, dass die meisten deutschen Kriminal-Produktionen außerhalb von Heimatromanen und Schenkelklopf Klone internationaler Formate sind und diese nun mal gerade „Psycho“ oder Serialkiller heißen und dass dieser Umstand nicht weiter bemerkenswert ist, fällt doch die Abwesenheit des Gangster-Segmentes, das ja schließlich für die Kriminalliteratur per se zentral ist, schmerzhaft auf. von Thomas Wörtche

Wir Loser!

Ein paar haben´s aber vorher schon schwer, schlimme Kindheit, schlimme Verhältnisse, eine körperliche Versehrtheit, Wahnsinn, nix auf die Kette gekriegt: Loser. Der kleine Dicke aus der Schule, unsportlich, nix mit Mädels: Loser. "Loser" war oder ist immer noch auf dem Schulhof eine üble Beschimpfung, gerne in der Kombination mit "Opfer". "Loser" wird auch im Erwachsenenalter benutzt, um die Konkurrenz niederzubügeln. Kein Loser zu sein, stützt das eigene Selbstbewusstsein. von Thomas Wörtche

Amerika

Aber, sagt man auch: Das ist alles gut und richtig so, denn vor allem die Deutschen, sie können es einfach nicht wirklich. Deswegen machen sich die Amis gar nicht die Mühe, wichtige deutsche Kriminalliteratur für ihren Markt zu übersetzen. Warum auch, wenn das sowieso nur Klone der eigenen Produktion sind?  von Thomas Wörtche

Kritik? Kritik!

Kritiken sind reine Geschmackssache. Kritiken sind subjektiv. Kann man alles auch anders sehen. Pure Meinung: Die Erde ist eine Scheibe, Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen. Eine Meinung ist so gut wie die andere. Das ist demokratisch. von Thomas Wörtche

Was können Verlage, was will das Lesepublikum?

Die eine Partei sieht „Erfolg“ als Qualitätsmerkmal, die andere hat eine dogmatisch feste Vorstellung von der „reinen Lehre“, die mit Zähnen und Klauen verteidigt werden muss. Danach ist dann die Einschätzung, welche Verlage, was richtigmachen, ganz einfach. von Thomas Wörtche

Das Elend mit der Geschichte

Und tatsächlich scheint es ja eine ganze Welle Genre-Narrative zu geben, die die jüngere Geschichte zum Thema haben. Also die „große Geschichte“ noch mal neu erzählen, aber eben aus einem irgendwie anderen Blickwinkel. von Thomas Wörtche

Seitensprünge – wenn Literaten fremdgehen

War Friedrich Dürrenmatts Statement „Das Versprechen“ sei ein „Requiem auf den Kriminalroman“ (wie der Untertitel lautet) tatsächlich als Kritik des Genres gedacht – und wenn ja, warum dann, wenn Dürrenmatt das Genre gar nicht intim kannte? Hat John Banville als Benjamin Black einfach Spaß an Pastiches? Wollte Heimito von Doderer mit „Der Mord, den jeder begeht“ tatsächlich in Nazi-Deutschland „populärer“ werden als im noch nicht „angeschlossenen“ Österreich? von Thomas Wörtche

Skeptisches Unbehagen – Der „Ermittler-Krimi“

Man könnte zunächst sagen, dass alle Kriminalromane, in denen ein Verbrechen begangen und dann von ermittelnden Instanzen aufgeklärt wird, „Ermittlerkrimis“ sind. So gesehen ist es dann egal, ob die Damen und Herren Ermittler u.a. Privatdetektive, Journalisten, zufällig anwesende Amateure oder Polizisten sind. „Der Fall“ ist die zentrale Einheit, um die alles andere gruppiert ist. von Thomas Wörtche

Iren

Es soll ja um irische Kriminalliteratur gehen. Und dann stellt sich, wie bei allen nationalliterarischen Themen, die Frage, ob es eine spezielle Irishness gibt und wenn ja, wie die aussehen könnte. Wir suchen also nach Alleinstellungsmerkmalen, die im Kontinuum der internationalen Kriminalliteratur über Biographisches und Geographisch/Lokales hinausgehen.  von Thomas Wörtche

Die U/E-Schere

Da ist sie wieder, wie ein moddriger Revenant aus der Gruft, die alte U/E-Schere. Eigentlich hatte man ihn schon längst beerdigt geglaubt, den Antagonismus zwischen ernster, seriöser Literatur und leichter Unterhaltung. Man kam mit der gegenseitigen Verachtung nicht weiter und allerallerspätestens seit Leslie A. Fiedler & Co war der Diskussion im Grunde jeder theoretische Unterboden entzogen. Zumal es ja nie um die Frage ging, wie Ernst und Unterhaltung zueinander standen. U/E meinte, auf den Kern reduziert, die Kluft zwischen Literatur und Trivialliteratur.  … von Thomas Wörtche

Frauen und Männer, Männer und Frauen – und das Verbrechen

Generalisierungen lösen bei mir immer den Reflex aus, zum Ockham´schen Rasiermesser zu greifen. Danach würde sich die Frage, ob Frauen besser über Männer oder Männer besser über Frauen schreiben, wenn es um Verbrechen geht, letztendlich auf das gute, alte „Darf dat dat?“ reduzieren. Denn alles andere scheint ja klar: In der Literatur gilt der Grundsatz, dass alles geht, wenn man´s nur kann. von Thomas Wörtche

Epigonen

In der Moderne und Postmoderne wurde, was nach Original-Genie roch, erstmal lieber dekonstruiert, kritisiert und relativiert. Aber davon ging das Problem nicht weg. Das neue Zauberwort hieß „Innovation“. Die literarische Welt (natürlich gilt das alles auch für die anderen Künste) zerfiel in Innovatoren und Vollender oder Nachzieher.
von Thomas Wörtche

Wie heißen die Dinger bloß? Eine Begriffsverwirrung

Kann ja vorkommen, dass die Cops einen irren Serialkiller jagen, einen wahnsinnigen Kinderschänder oder einen sonstigen thriller-relevanten Bösewicht, der nun einmal einfach böse ist. Ist das dann konservativ? Oder eher links? Oder universal?
… von Thomas Wörtche

Was ist denn da komisch?

Deswegen gleich zur Sache: Komik in der Kriminalliteratur ist ein Qualitätskriterium. Total unkomische Kriminalromane sind meistens – Ausnahmen gibt es, klar – keine wirklich guten Kriminalromane. Der düsterste und schwärzeste roman noir, der nichts ist als düster und schwarz und schlimm und furchtbar, steht zumindest mit einem Fuß im Kitsch. Selbst große Autoren des noir schliddern letztendlich nur deswegen am Kitsch vorbei, weil sie dann,  dennoch, komische Momente aufbieten … von Thomas Wörtche

Nachdenken über pulp

Pulp Magazine waren auf billigem Papier gedruckte Anthologien, die verschiedene Texte verschiedener Autoren aus unterschiedlichen oder je nachdem bestimmten „Subgenres“ versammelten, grelle Cover und ein Massenpublikum mit nicht allzu hoher Kaufkraft als „Zielgruppe“ im Auge hatten. von Thomas Wörtche

Fatale Frauen oder Dumm gelaufen

Es war ja so: Lilith, Circe, Eva, Salomé und Co., alle schön, sexy und erotisch, mussten letztendlich denunziert werden: Erbsünde, ausgetrickst, dämonisiert, zum Vampir erklärt, mit übernatürlichen Kräften ausgestattet, das Böse, grausam, herrschsüchtig, kaltherzig. La belle dame sans merci. von Thomas Wörtche

Ach, Deutschkrimi, ach

Aber dann kommt doch die Sprache wieder auf den deutschen Kriminalroman – und sei´s als Folie gegenüber dem schottischen Tartan-Noir, dem Schwedenkrimi, dem amerikanischen Country Noir oder dem provenzalischen Gourmet-Krimi. Dann werden Merkmale zusammengebastelt, die immer nette Angaben zu Schauplätzen und gemeinsame Merkmale von Figuren machen, als ob das zur Charakteristik von Texten irgendwie sinnvoll beitragen könnte. von Thomas Wörtche

The Family that lays together stays together … Warum Familie so suspekt ist

La mafia als la famiglia, damals und heute … Worauf mir zunächst mal einfällt – hat das überhaupt jenseits von Mafia-Folklore funktioniert? Die Familie als tatsächlicher Schutzraum, nicht nur als Alibi-Nebelkerze für omertà und andere Rituale der Strafvereitelung. von Thomas Wörtche

Das Ziel ist das Verderben

Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist das Verderben. Das gilt manchmal selbst dort, wo das glückliche Entkommen gelungen scheint. Wer sich in Sam Peckinpahs Film „The Getaway“ mit Doc McCoy und Carol freut, dass sie dem letzten Gemetzel gut entkommen der Freiheit in Mexiko entgegenfahren, sollte sich besser nicht daran erinnern, dass in Jim Thompsons Romanvorlage das richtige Grauen jetzt erst beginnen wird. von Thomas Wörtche

Warte, warte nur ein Weilchen … Wer metzelt wo wie und warum? Ein paar Fragen zum ethnischen Töten

Und dann kommen vermeintlich landestypische Standardsprüche, vermischt mit ein bisschen protorassistischem Mentalitätsobskurantismus (Deutsche haben keinen Humor, Skandinavier sind melancholisch, Lateinamerikaner korrupt, Neger schnackseln gern), die natürlich hinten und vorne nicht aufgehen und über einzelne Texte nicht das Geringste aussagen. von Thomas Wörtche

Das Elend mit der Liebe

Die Liebe, die im Kriminalroman vermutlich böse endet, widerlegt vielleicht ein bisschen das Freud´sche Dogma, das Elend mit der Liebe sei schließlich homemade (und „alternativlos“ für den homo sapiens in unseren Zeiten und Breiten) und von uns selbst zu verantworten. Kriminalromane hingegen, wenn sie denn gute Kriminalromane sind, wissen immerhin, dass „die Umstände“ einen erheblichen Anteil an allem haben, was einem Individuum zustoßen kann. von Thomas Wörtche

Der fremde Blick, so nah ...

Wo aber beginnt der fremde Blick: Wenn Männer aus dem Kopf einer Frau schreiben? Frauen aus dem Kopf eines Mannes? Ein Weißer aus dem Kopf eines Schwarzen? Oder umgekehrt? Wobei mir auffällt, dass es mit den Umkehrungen gar nicht so weit her ist. Neben der notorischen an diesem Punkt aufkommenden Frage: Darf man das? – ist das Interessante daran natürlich: Was bringt das? Böse gesagt – schleimt sich da jemand an eine Rezipienten-Gruppe? von Thomas Wörtche

Finden Sie das spannend? Ein paar Steilvorlagen

Sollte eigentlich ein Selbstläufer sein, in der POLAR GAZETTE über suspense zu schreiben. Wo doch alle Welt weiß, dass alles Mögliche „spannend wie ein Krimi“ ist – das WM-Finale (stimmt, war spannend), eine Bundestagsdebatte (na ja) oder die letzte Runde einer Quiz-Show (depende). Nur sind solche lebensweltlichen Dinger eben deswegen spannend, weil man nicht wirklich weiß, wie sie ausgehen … Zufall statt Spannungsdramaturgie. von Thomas Wörtche

Warum, warum nur, warum?

Mord mit Motiv oder ohne Motiv. Wobei die üblichen Motive nicht sehr spannend sind: Gier, Habgier, sexuelle Begier, Eifersucht, Verzweiflung … Man ist fast ein bisschen voreilig, wenn man Raymond Chandlers berühmtes Diktum über die Rolle von Dashiell Hammett für die Evolution der Kriminalliteratur zitiert: „Hammett brachte den Mord zu der Sorte von Menschen zurück, die mit wirklichen Gründen morden, nicht nur, um dem Autor eine Leiche zu liefern.“ von Thomas Wörtche

The Sound of Crime

Jazz ist nun mal die Musik aus den Puffs und Kaschemmen, die ihren Weg in die Konzerthallen der Welt gefunden hat. Und Kriminalliteratur ist die Sorte von Narrativen, die es vom pulp auf die literary pages gebracht haben. Und auf dem Weg dahin wurde ihre schmuddelkinderhafte Herkunft ihren Liebhabern peinlich. Denn am vorläufigen Ende ihres Weges sind beide gereinigt, glatt geschmirgelt, clean, gebadet und geschrubbt. Für die feingeistigen Minderheiten. von Thomas Wörtche

Zu Hülfe, zu Hülfe ...

Weltrettung ist ein Evergreen der Unterhaltungsmedien. Gewissermaßen das ultimative Happy End. Ein an sich naives, märchenhaftes Verlangen nach Ordnung, Sicherheit, Schutz und Zuflucht vor dem Bösen wird wider besseren Wissens mit Realitätspartikeln ausstaffiert. But guess what: Die Welt zu retten ist als Roman-Plot so schwachsinnig, dass eine Süßware das perfekte Werkzeug dafür ist. Zum Glück gibt es noch ein Gegenprogramm … von Thomas Wörtche

Alptraum für Klaustrophobiker

Knäste sind interessante Orte, von denen man dringend weg will, raus, flüchten, ausbrechen. Das ist schon bei Casanovas betrüblichem Aufenthalt in den Bleikammern von Venedig so und beim „Graf von Monte Christo“ (irgendwie die Mutter aller Ausbrechernarrative) bis hin zu „Out of sight“ von Elmore Leonard und auch Doc McCoy in Jim Thompsons „The Getaway“ will nur raus aus dem Knast, um schnell wieder Verbrechen begehen zu können. von Thomas Wörtche

Hab ich nun ach ...

Brauchen Kriminalromane Theorie? Auf dem Cover von Jochen Vogts unverzichtbarer Sekundärliteratur-Sammlung „Der Kriminalroman“ steht als Untertitel „Poetik. Theorie. Geschichte.“ Das liest sich eher wie ein Wunschkatalog denn wie ein Inhaltsverzeichnis und wäre vermutlich mit einem Fragezeichen versehen korrekter. von Thomas Wörtche

Am Anfang war da nichts ...

Nun wird man aus gekränkter Eitelkeit heraus nicht unbedingt zum Fan von irgendwas. Ich wurde auch kein „Freund“ der Kriminalliteratur, so wie man zum Freund dunklen Bieres wird, ihr Fan schon gar nicht. Ich „liebe“ Kriminalliteratur nicht, ich liebe den einen oder anderen Menschen, mehr schaff ich nicht. von Thomas Wörtche

Blut, mehr Blut, viel mehr Blut ...

Tatsächlich ist da nichts vornehm Zurückhaltendes, Niveauvolles oder Kultiviertes dran, sondern dieser bizarre, schönfärbende Umgang mit den bösen Dingen ist Ausdruck des Abscheus vor der ganzen Moderne, die sich – horribile dictu – nicht an irgendwelche Regeln und Vorschriften halten will. von Thomas Wörtche

Kolumne

Die Zugriffe auf die Polit-Thriller notorischen Themen könnten unterschiedlicher nicht sein. Strammer Hurrapatriotismus neben labyrinthischen Spielen um Lüge, Wahrheit, Schein und Sein. Sie alle wollen nur erklären, wie es aus Ihrer Sicht in der Welt zugeht. von Thomas Wörtche

Kolumne

Unter allen Städten dieser Welt ist New York immer noch die Metropolis, Gotham, der Big Apple, einzigartig, unvergleichbar. Ein Sehnsuchtsort und konkrete Topographie. Man kann ihre Geschichte eigentlich nur als Kriminal-Historie schreiben, würde man einen anderen Ansatz suchen, man endete immer wieder bei den Territorien und Revieren der Gewalt und des Verbrechens, egal, wie sich deren Parameter durch die Jahrzehnte geändert haben. von Thomas Wörtche

Kolumne

Rebellen rebellieren gegen etwas. Robin Cook, in eine reiche englische Fabrikantenfamilie geboren, hat vermutlich gegen seine Herkunft rebelliert, als er beschloss, ein im bürgerlichen Sinn prekäres Leben zu führen: abenteuerlich, hier und da ein wenig kriminell, immer riskant.
von Thomas Wörtche

Kolumne

Kriminalromane, besonders in ihrer Darreichungsform als ›Grimmi‹, sind recht eigentlich ziemlich hausbackene Gesellen. Es wird gemordet, dann wird aufgeklärt, am Ende wird der Mörder gefasst. Das weiß man, bevor man anfängt zu lesen, und die Leidensfähigkeit, sich immer wieder und wieder auf dasselbe Schema einzulassen, ist bewundernswürdig. von Thomas Wörtche