Eine weitere oftmals als feministisch attribuierte Neuerung soll zudem darin liegen, dass Frauen nicht mehr nur Opfer sind, sondern auch als komplexe Täterinnen in psychologischen Spannungsromanen (so wäre die korrekte Einordung, sofern denn eine vorgenommen werden soll) erscheinen. Und spätestens an dieser Stelle ist nun ein tiefer, ein sehr tiefer Seufzer angebracht. Denn natürlich gab es schon vorher komplexe Frauenfiguren in Thrillern, man blicke auf Daphne du Maurier, auf Vera Caspary, auf Sara Paretsky – oder auf Pieke Biermann. Neu ist hingegen etwas anderes: der große Erfolg, den „Gone Girl“ und „The Girl on the Train“ hatten, und die damit verbundene Erwartung, dass ähnliche gestrickte Bücher ihn nun wiederholen. Solange sie nur unter einem Label zusammengefasst werden können und ein „Girl“ im Titel tragen, denn das suggeriert gleichermaßen Unschuld wie Gefährlichkeit. Oder anders ausgedrückt: Protagonistinnen müssen nun nicht mehr sympathisch sein, um eine breite Masse in der Leserschaft anzusprechen. Solange sie Mädchen bleiben.

Doch es bleibt nicht nur bei den „girls“ im Titel. Wenngleich diese Bücher von dem Dunkel erzählen soll, das hinter der perfekten Fassade in der Regel sehr gut situierter Haushalte lauern soll, wenngleich sie von den Schwierigkeiten erzählen sollen, die die Ansprüche an moderne Frauen mit sich bringen – sie sollen perfekt aussehen, Karriere machen, eine gute Ehefrau und noch bessere Mutter sein und sich bitte sehr auch um das Haus kümmern, damit es den Ansprüchen eines „Schöner Wohnen“-Katalogs entspricht –, erfüllen die Bücher diese Prämissen nur selten. Schaut man einmal genauer hin, sind die Frauenfiguren in diesen Romanen nicht stark und unabhängig, sie sind schwach, verwirrt und abhängig von Männern. Sie sind deshalb keine starken Täterinnen, keine Manipulatorinnen wie beispielsweise Phyllis Dietrichson in „Double Indemnity“. Aber das sind die starken, bösen Frauen, von denen ich lesen will. Und bis die Literatur wieder dorthin gelangt ist, könnte man vielleicht wenigstens aufhören, in „domestic noir“ feministische Tendenzen hineinzudeuten.

 

Sonja Hartl © 07/2017

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