Doch schreiben die alle Noir? Sie kritisieren die Mächtigen, entlarven die korrupten Strukturen der westlichen Gesellschaften. So weit so gut. Um die Welt ist es ja wirklich schlecht bestellt. In China bildet sich ein autokratisches, wirtschaftlich aber erfolgreiches Gegenmodell zu den liberalen, westlichen Gesellschaften heran, das rapide an Stärke gewinnt. Rechtspopulisten in den westlichen Staaten träumen von der Wiedergeburt des Nationalstaates, in der islamischen Welt wachsen Intoleranz, religiöse Orthodoxie, und beide bilden den Nährboden für islamistischen Terrorismus. Die Globalisierung lässt Finanz- und Menschenströme grenzenlos werden. Immer mehr Menschen beklagen den Verlust ihrer Identität. In den westlichen Gesellschaften gibt es einen schleichenden Prozess der Refeudalisierung, nur dass der neue Adel nicht von Gottes Gnaden ist, sondern die Finanzmärkte und die Internetkonzerne kontrolliert. Staatliche Kontrolle – sie reicht vom geplanten Bargeldverbot bis zum gläsernen Menschen, der seine Daten als Konsument mit Freuden amerikanischen Großkonzernen überlässt und vom Staat biometrisch und digital bis in den letzten Winkel verfolgt werden kann – lassen George Orwells 1984 harmlos erscheinen. In einer Weltmetropole wie Tokio werden heute bereits mehr Straftaten durch flächendeckende Videoüberwachung gelöst als durch traditionelle Ermittlungsmethoden. Anlässe, an der Welt zu verzweifeln, gibt es genug. Gute Zeiten also für den Noir und für den Politthriller.

Doch der aktuelle Politthriller hat eine Achillesferse, die nur von wenigen in der Szene klar benannt wird: Viele Autoren haben einen starken Hang zur Rationalisierung. Oft ist der erhobene Zeigefinger zu sehen. Selbst hinter dem wahnsinnigsten Wahnsinn vermuten die Autoren immer noch irgendeine Ratio, die man entdecken und enthüllen kann. Georg Wilhelm Friedrich Hegel lässt grüßen: Das, was ist, ist die Vernunft. Weltgeschichte wird seit der Aufklärung zum Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Der Fortschrittsmodus wird zum Absoluten, so kann er den Relativismus abfedern, zu dem die schwarze Wirklichkeit immer stärker zwingt.

Das zeigt eine mögliche Erklärung auf, warum sich gerade deutsche Autoren mit dem Noir so schwertun. Der ist stärker vom Moment des Wahnsinns und von der Hoffnungslosigkeit geprägt.  Hegel und sein geistiger Nachfolger Karl Marx, der ihn bekanntlich vom Kopf auf die Füße gestellt haben will, sind tief im Denken der deutschen Linken verankert. Zu tief, um ohne Hoffnung über den hoffnungslosen Wahnsinn zu schreiben. Für Irrationalität ist wenig Raum, wenn sie sich nicht aus den Strukturen der Gesellschaft rational erklären lässt. Was jedoch geschieht, wenn der Fortschrittsglaube angesichts der Barbarei schwindet, mit dem Menschen im 21. Jahrhundert die Gräuel des letzten Jahrhunderts fortsetzen? Thema des Noir ist das Entsetzen der Menschen, die in ihrem Leben von Anfang an wissen, dass ihr Kampf gegen diese Welt, von der sie selbst ein Teil sind, nicht gewonnen werden kann. Das heißt nicht, dass im Noir die moralischen Kriterien ins Rutschen kommen. Schon in der Antike galt das naturgemäße Leben schließlich schon als Leben gemäß der Vernunft. Ob in Jerome Charyns Sidel-Romanen oder bei James Ellroy – die Protagonisten wissen durchaus, was sie tun. Nur wird die Dichotomie von Gut und Böse im Noir ad absurdum geführt und damit aufgelöst. Es gibt in dieser Welt eben nur noch Variationen des Dunklen, hoffnungslos und schwarz. Der Noir sprengt den Block der ideologischen Selbstverständlichkeiten. Das macht ihn so subversiv.

zurück weiterlesen