Hegels Fluch über dem deutschen Noir

von Carsten Germis

 

Wie sich die Zeiten ändern. Noch vor gut zehn Jahren war es für Liebhaber des Noir viel schwerer als heute, in den deutschen Buchhandlungen anspruchsvolle, düstere Thriller zu entdecken. Anspruchsvolle Reihen wie die schwarzen Taschenbücher von DuMonts Noir waren verschwunden, der Kriminalroman wurde gefälliger. Donna Leon verdrängte Raymond Chandler in den Regalen. Besuche in den Krimiabteilungen der großen Buchverkaufsketten, auch der meisten kleinen Buchhandlungen in der Provinz, bieten heute oft kein anderes Bild.  Da stapeln sich Quartal für Quartal die neuesten Frankreichkrimis mit Rezepten neben frisch entdeckten skandinavischen Autoren und von Marketingabteilungen der Verlage in den Markt gedrückten neuen "Next-Best-Sellern". Und doch tut sich etwas.  Die Nische wächst, in der politische Krimis gedeihen. Auch der Noir, der nie wirklich ganz verschwunden war, wird in Deutschland wieder hofiert. Gibt es also eine Renaissance des Noir?

Wenn ein Krimi kein Happy End hat, ist er ein Noir, heißt es. Tatsächlich mehren sich auf dem Markt die Romane, in denen eine düstere, schwarze Grundstimmung, in denen hoffnungslose Analysen der modernen Gesellschaften, Katastrophen und – ganz wichtig beim Noir – ein eher pessimistisches Menschenbild eine Rolle spielen. Optimisten beschwören seit einiger Zeit sogar schon eine Konjunktur des sozialkritischen Kriminalromans, des Roman noir, des politischen Gesellschaftsromans mit Spannungsaspekten. Der Kriminalroman, allen voran der Politthriller und der Noir ist schließlich die ideale Form, gesellschaftskritisch zu schreiben.

Sind die Zeiten also gut für einen deutschen Noir? Dafür spricht die Geschichte des Kriminalromans. Sie zeigt, dass gerade in Krisenzeiten das Genre in Bewegung kommt. Doch betrachtet man die Listen deutscher Schriftsteller, dann finden sich auch bei den Politthrillern kaum Autoren, die unter das Label Noir passten. Ulf Miehe war so einer. Frank Göhres Kiezromane aus den 1980er-Jahren fallen einem ein. Auch Friedrich Ani. Obwohl der eher in den Grenzbereichen zum Noir schreibt. Und sonst? Max Annas vielleicht. Auf der Landkarte des Noir ist und bleibt Deutschland nach wie vor eher ein weißer Fleck. Über die Gründe lässt sich spekulieren. Möglicherweise ist das Land auch beim Noir eine verspätete Nation? Gibt es also auch beim Noir einen deutschen Sonderweg?

Es gibt viele deutsche Autorinnen und Autoren, die in den letzten Jahren mit guten politischen Kriminalromanen aufgefallen sind. Zoe Beck ist wohl die, die derzeit am stärksten herausragt. Merle Kröger, Monika Geier, Anne Goldmann werden als politische Autorinnen gefeiert. Max Annas sowieso. Der Hamburger Robert Brack fällt auf, gerade auch wieder mit seinen jüngsten historischen Kriminalromanen. Bei Wikipedia werden unter der Überschrift „Der Roman noir im internationalen Kontext“ neben Ulf Miehe überraschend zwei Namen von Autoren genannt, die auf dem deutschen Markt mit Polit-Krimis erfolgreich sind: Wolfgang Schorlau macht politische Themen und die Verbrechen, die die kapitalistisch-westliche Gesellschaft zusammenhalten, seit langem zum zentralen Thema seiner Bücher. Auch Horst Eckert ist aus der Riege der engagierten Autoren von Politthrillern nicht wegzudenken.

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