Kriminalhauptkommissar Jörg Fedder und seine vom Einbruch­ und Diebstahldezernat in das Morddezernat gewechselte Kollegin Karin Neuenfels hatten an diesem Wochenende Dienstbereitschaft und in der Gewissheit, im Verlauf dieser Tage noch oft genug gefordert zu sein, gingen sie es ruhig an.

Fedder hatte sich seine Steuererklärung vorgenommen und Karin Neuenfels telefonierte von ihrem privaten Handy aus mit ihrem zu einer Tagung Bundesdeutscher Juristen nach Berlin gereisten Mann Klaus.

Karin Neuenfels war, den schon beinahe hochsommerlichen Temperaturen entsprechend, nur leicht bekleidet. Sie trug eine dünne, weit geschnittene Leinenhose, unter der sich, wenn sie sich bückte, ihr schmaler Slip abzeichnete. Dazu eine locker fallende Bluse ohne Kragen, die bis zum Brustansatz offen war. Einen BH trug sie nicht.

Fedder war nicht zum ersten Mal von ihrem Anblick äußerst angetan. Obwohl er sich mit seiner seit vielen Jahren von ihm geschiedenen Ex zurzeit relativ gut verstand und sogar schon einmal wieder mit ihr geschlafen hatte, war sein Wunsch nach einer neuen festen Beziehung groß, und Karin wäre genau die Frau, mit der er es riskieren würde. Aber dummerweise war sie verheiratet. Und allen Anzeichen nach war sie auch glücklich verheiratet. Jetzt verabschiedete sie sich von ihrem Klaus und schenkte Fedder über die beiden zusammengestellten Schreibtische hinweg ein Lächeln. Fedder erwiderte es.

„Alles bestens?“, fragte er.

„Klaus geht heute Abend mit einigen Kollegen ins Theater“, erklärte Karin. „Cabaret. Ich hätte auch mal wieder Lust.“

„Auf was?“

„Mal wieder ausgehen. Schick essen, Theater, Konzert – einen netten Abend haben.“

„Nächstes Wochenende hast du frei.“

„Da ist Klaus in Stuttgart, und die Woche über …“ Sie machte eine wegwerfende Geste. „Vergiss es.“

„Ich?“

„Quatsch. Du weißt, was ich meine.“ Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme im Nacken. Fedder sah auf die Uhr.

„Essen müssen wir zwischendurch auch mal.“ „Klar – bestenfalls an einer Imbissbude.“

Fedder schob seine Steuerunterlagen zusammen und stand auf.

„Dienstbereitschaft, heißt lediglich, jederzeit erreichbar zu sein“, sagte er. „Egal wo. Welche Landesküche bevorzugst du? Italienisch, Spanisch, Griechisch, Asiatisch? Ich lad dich ein.“

„Ja, und dann müssen wir beim ersten Bissen gleich wieder los, weil irgendwo eine Leiche herumliegt. Danke, das macht keinen Spaß.“

„Riskieren wir’s“, sagte Fedder. „Also – was steuern wir an?“

„Du bist verrückt“, sagte Karin, aber sie stand ebenfalls auf und überlegte kurz. „Italienisch kommt gut“, sagte sie dann.

Und so brachen Kriminalhauptkommissar Jörg Fedder und seine Kollegin Karin Neuenfels kurz nach 18:00 Uhr vom Präsidium in Alsterdorf zum Kiezitaliener Piceno auf, während Monika Graf sich fragte, wo ihr ansonsten überaus pünktlicher Mitbewohner Bernd Küster blieb, und Tanja sich auf der Schmilinskistraße zu dem Fahrer eines silbergrauen Toyota beugte und die Preise für ihre sexuellen Praktiken nannte.

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