Zappenduster

von Thomas Wörtche

 

Allein schon über die Inflation des Labels „Country Noir“ könnte man sich endlos spulen. Jedem noch so unbedeutenden amerikanischen Lokalgrimmi wird es aufgepappt, wenn nur ein paar trashige Hinterwäldler vorkommen, ein bisschen Bruch und Rott, und ein wenig gemetzelt wird.  Dass die Provinz tödlich sein kann, wissen wir seit Georges Simenons einschlägigen Texten über die Normandie und ähnliche, von Paris aus gesehen, peripheren Gegenden. Man hätte es aber auch schon seit Flaubert und Maupassant wissen können, beispielsweise. Oder seit Wilhelm Busch. So what? Und der deutsche Regionalgrimmi strebt jetzt auch in die Adelsklasse des „Country Noir“, wobei der Unterschied zum Wald- und Wiesenregiogrimmi dann nur darin besteht, dass es Krimis vom Land mit vernünftiger Prosa gibt, mit plausiblen Figuren und einigermaßen durchdachten Plots. Und flups: Noir. Großstadt bei Nacht, egal, wie doof und klischeehaft und schauderhaft geschrieben: City Noir. Ich warte jetzt nur noch auf Nele-Neuhaus-Noir, auf Ostfriesen-Noir oder Kakerlak-Noir.

Über den Roman Noir sagt das gar nichts, der ist sowieso eine mehr oder minder plausible Kategorie, um die es hier aber nicht geht. Es geht um die Strahlkraft des Etiketts Noir, wobei die Strahlkraft des Schwarzen auch eine ziemlich schräge Metapher ist. Aber irgendwas verspricht man sich vermutlich davon. Dem berühmten „Abverkauf“ kann´s nicht unbedingt dienen, denn Schwarz-Werte sind nicht unbedingt breitenkompatibel, zumindest nicht bei Büchern. Da wollen die Leute doch eher Sinnstiftung, gelöste Fälle, erfolgreich bekämpftes Verbrechen, so wie man´s aus´m Fernseh kennt. Also scheint der Begriff auf etwas Anderes zu zielen.

Eigentlich fällt mir dazu nur ein klassischer Bourdieu ein – Noir fungiert als Distinktionsgewinn für eine bestimmte Rezeptionshaltung, die eine romantische, hebephrene, vermutlich (post?) pubertäre Haltung zur Crime Fiction zum Ausdruck bringen soll. Noir soll düster und pessimistisch sein, also illusionslos und knallhart, was wiederum ein bestimmtes Verhältnis zur Realität beschreiben soll.

     weiterlesen