Die Unübersichtlichkeit der Welt

von Sonja Hartl

Früher gab es scheinbar klare Fronten: die USA gegen die UdSSR, dazwischen Länder, die versuchten, in diesem Spannungsfeld zu überleben. Doch seit dem Ende des Kalten Krieges und dem 11. September 2001 hat sich die Welt verändert. Plötzlich gibt es nicht mehr nur die CIA, sondern auch die NSA und Homeland Security, zu den staatlichen Geheimdiensten treten terroristische Organisationen, die ähnlich operieren. Es ist eine unübersichtliche Welt geworden, in denen militärisch schwächere Länder sich selbst neu definieren und nicht-staatliche Kräfte wie der IS zu mächtigen Akteuren auf der Welt geworden sind. Literatur kann hier Einblicke geben – mit einem Mittel, das oft noch im Kalten Krieg verortet wird: dem Politthriller.

Obwohl der Politthriller oftmals mit dem Spionagethriller gleichgesetzt wird, ging es schon bei prägenden Autoren wie Graham Greene, Robert Littell, Ross Thomas und Eric Ambler nicht nur um Spionage, sondern um Geldwäsche, Menschen- und Drogenhandel, um die Verbindung und Mechanismen von wirtschaftlichen Interessen, Politik und geheimdienstlichen Aktivitäten. Deshalb weisen schon ihre Bücher und Themen ins Heute, in eine übersichtliche Welt, in der geheime Dienste weiterhin eine nur schwer zu definierende, aber bestimmende Rolle spielen. Mit dem 1974 erschienenen „Die sechs Tage des Condor“ – verfilmt mit Robert Redford als „Die drei Tage des Condor“ – verankerte James Grady dann die nach dem Watergate-Skandal von Paranoia getriebenen Geheimdienste als Topos im Thriller. Nicht mehr ein Einzelner stört das System, es muss nicht mehr nach einem Maulwurf gesucht werden, sondern das ganze System wird von Interessen gesteuert.

Mit seinem rund 40 Jahre später erschienenen Buch „Die letzten Tage des Condors“ schreibt er diese Geschichte im 21. Jahrhundert fort. „Die Welt“, so sagt er im Interview, „ist nun, was vor unseren Fenstern ist, und die Cyber-Welt, die wir auf unserem Bildschirm sehen (und die uns sieht), und in beiden Welten ein Spion zu sein, ist weitaus komplexer als jemals zuvor“. In diese Welt kehrt Condor zurück. „Aus einem naiven Regierungsbeamten für Recherchearbeiten ist ein vollwertiger, aktiver verdeckt arbeitender Agent geworden“, erzählt Grady. „Er verlor seine Unschuld und Naivität Ende der 1970er-Jahre, wurde zynisch und ein altgedienter Spion in den 1990er-Jahren, und im 21. Jahrhundert ist er verrückt geworden, buchstäblich wahnsinnig.“ Tatsächlich war Condor zwischenzeitlich in einem Irrenhaus, nun arbeitet er wieder in der Public Library in Washington, D.C. – und hat keine verlässlichen Erinnerungen mehr. Er weiß nicht, was er getan hat und was er sich nur einbildet. Er ist sich nur bewusst, dass er weiterhin gejagt wird. Mit vielen Perspektivwechseln, teilweise innerhalb eines Satzes, inneren Monologen und Anspielungen schafft James Grady mit seinem Roman ein literarisches Abbild einer verwirrenden, paranoiden Welt, in der niemand mehr weiß, wer mit wem und gegen wen arbeitet – jedoch der Schlüssel in der Verbindung der Dinge liegt.

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