Die Wurzel des Polit-Thrillers in Ostfriesland

von Carsten Germis

Der politische Thriller wittert Morgenluft. In einer Welt, die aus den Fugen geraten zu sein scheint, bietet sich Autoren Stoff wie schon lange nicht mehr. Die liberalen westlichen Demokratien stehen unter Druck populistischer Bewegungen von Rechts und Links. Der islamistische Terrorismus trägt die Kriege des 21. Jahrhunderts bis in die Städte des Westens. Die Strickmuster vieler Thriller passen den neuen politischen Zeitgeist dem an, was schon seit Anfang des letzten Jahrhunderts die Erfolgsrezepte des politischen Thrillers war. Wer nach dessen Wurzeln sucht, den führt der Weg nach Ostfriesland. Ausgerechnet Ostfriesland? Keine Sorge, hier wird kein vergessener plattdeutscher Heimatdichter neu entdeckt, in dessen Nachlass Krimiforscher jüngst den ersten Politthriller entdeckt zu haben glauben. Aber im ostfriesischen Wattenmeer, in der stürmischen Deutschen Bucht und in den Sielen Frieslands spielt Erskine Childers‘ klassische Spionagegeschichte Das Rätsel der Sandbank. Mit ihr begann vor bald 115 Jahren die Geschichte des Polit-Thrillers. Zwar gibt es den einen oder anderen Krimi-Autoren wie den Briten William Le Queux oder A.C. Curtis, die früher als Childers politische Thriller geschrieben haben. Doch ihre Bücher sind vergessen. Childers dagegen, dessen 1903 erschienener Roman in Deutsch und Englisch bis heute in immer wieder neuen Auflagen lieferbar ist, ist wegen seiner schriftstellerischen Qualität zu Recht als erster Autor politischer Thriller in die Geschichte des Genres eingegangen, der das Grauen der modernen Zeitgeschichte schulterte.

Wer politische Kriminalromane schreibt, ergreift politisch Partei. Eric Ambler, Ross Thomas, auch Graham Greene gehören zu den bekannten und geachteten eher linken Autoren. John Buchan, der seine Erfolgsthriller Die neununddreißig Stufen, Greenmantle und Mr. Standfast oder Im Westen was Neues während des Ersten Weltkriegs schrieb, war dagegen ein konservativer Verteidiger des britischen Empires. Ian Fleming, Colin Forbes, Frederick Forsyth und Tom Clancy sind ein paar bekannte Namen, die klar dem konservativen Spektrum zuzuordnen sind. Sie verteidigen die Legitimität der (westlichen) politischen Ordnung, wo Linke diese Legitimität in Frage stellen.

Als Das Rätsel der Sandbank 1903 erschien, machte das Buch sofort Furore. Childers war damals 33 Jahre alt. Er entstammt einer ahnenstolzen Familie anglo-irischer Grundbesitzer. Nach dem Studium wurde er schon bald Beamter im britischen Unterhaus. Childers führte die Sitzungsprotokolle, wachte mit über die Hausordnung – alles sehr solide, für einen abenteuerlustigen Menschen allerdings nicht sonderlich spektakulär. Die Schrecken, die das 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen und Völkermorden brachte, waren damals kaum zu ahnen, auch wenn er als Freiwilliger in den Burenkrieg zog. Childers gehörte zu den Ersten, die damals die ersten Warnzeichen erkannten, die die barbarischen Vernichtungskriege des 20. Jahrhunderts ankündigten.

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