Jalousie

von Bernhard Jaumann

Werde Taxifahrer, wenn du etwas erleben willst!, hatte mir Julia damals geraten. Oder Hauptschullehrer. Oder – wenn du partout die Abgründe der menschlichen Psyche kennen lernen willst – professioneller Nordic-Walking-Trainer!

Ich dachte damals, sie mache nur einen Witz, aber selbst wenn ich sie ernst genommen hätte, wäre meine Entscheidung nicht anders ausgefallen. Ich hatte mir nun mal in den Kopf gesetzt, Privatdetektiv zu werden, und das habe ich dann auch durchgezogen. Sachen durchzuziehen, die ich mir vorgenommen habe, ist eine meiner Stärken. Vielleicht sollte ich mir das auf meine Karte drucken lassen: „Der, der die Sachen durchzieht.“

Eine meiner Schwächen ist, ernst gemeinte Ratschläge meiner Frau für Witze zu halten, und das war auch der Grund, warum ich nun zweimal die Woche in meinem Passat die Zeit totschlug. Auf dem Beifahrersitz neben mir lagen Handy, Fotoapparat und Fernglas, zwei volle und eine angebrochene Packung Lucky Strike, eine Flasche Mineralwasser und ein zur Hälfte ausgefülltes Rätselheft, mit dem ich nicht recht weiterkam. Die Sig Sauer P-229 ließ ich gleich zu Hause. Bisher hatte ich die Knarre noch nicht ein einziges Mal gebraucht.

Seit drei Jahren überwachte ich mutmaßliche Ehebrecher, ertappte Büroangestellte, die Druckerpapier vom Arbeitsplatz mitgehen ließen, und wartete ab, bis den jugendlichen Ausreißern, die ich einfangen sollte, das Geld ausgegangen war, so dass sie von selbst wieder reumütig nach Hause zurückkehrten. Privatdetektiv ist ein Traumjob für alle, die gern warten und sich im Lösen von Kreuzworträtseln perfektionieren wollen. Solange man sich darauf konzentrieren kann und nicht irgendwelche Begriffe zur fixen Idee werden. Jalousie zum Beispiel. Acht Buchstaben. Ja – lou – sie. Wie diese Dinger vor den Fenstern. Wie Eifersucht auf Französisch. Letzte Woche war mir eingefallen, wie ich danach fragen würde, wenn ich Kreuzworträtselmacher wäre:  Eifersucht, die den Blick verstellt, mon amour.

Ich hatte Julia angerufen und sie nach dem Begriff gefragt, aber sie war nicht auf die Lösung gekommen. Wahrscheinlich hatte sie mir gar nicht zugehört. Sie macht sich nichts aus Kreuzworträtseln.

Ich zündete mir eine Zigarette an und betrachtete das Haus schräg gegenüber. Das Grundstück stieg an, so dass der Blick von dem zurückgesetzten Bungalow aus über den adretten Garten und die Dächer diesseits der Straße weit über die Elbe schweifen konnte. Wenn denn jemand geschaut hätte! Doch jedesmal, wenn Kiepenköller am späten Vormittag das Haus verlassen hatte, dauerte es keine fünf Minuten, bis die Jalousien vor der verglasten Front des Bungalows heruntergingen. Dunkelrote Jalousien.

Die Dame des Hauses hatte ich noch nie zu Gesicht bekommen. Das Foto, das mir Kiepenköller überlassen hatte, zeigte eine blonde, kühl elegante Enddreißigerin, die sicher in der Oper wie beim Diner mit Geschäftsfreunden ihres Mannes eine perfekte Figur abzugeben wusste. Kultiviert und harmlos, das war mein erster Eindruck. Meiner bescheidenen Meinung nach gehörte sie zu dem Typ Frau, dessen Leben mit Fitnessstudios, hochpreisigen Boutiquen und Migräneanfällen so erfüllt ist, dass weder Zeit noch Raum für einen Liebhaber bleiben.

Kiepenköller hatte das anders gesehen, und meine Aufgabe war es schließlich nicht, möglichen Klienten ihre Eifersucht auszureden. So hatte ich nur genickt, als er von einem begründeten Verdacht faselte. Ich solle seine Frau überwachen und ihn augenblicklich anrufen, wenn sie ausgehe oder jemand das Haus betrete.

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