George Smiley ist wieder da. Ein neuer Kalter Krieg, oder: Was soll uns das?

von Thomas Wörtche

Man kann sich den Kalauer kaum verkneifen: Das Beste kommt zu Schluss. So könnte man den Umstand interpretieren, dass John le Carré nach siebenundzwanzig Jahren noch einmal einen Roman um George Smiley geschrieben hat. Smiley steht ikonisch für den Geheimagenten, der den Kalten Krieg als Duell der Systeme begriffen hat. Sein Duell mit seinem östlichen Widerpart „Karla“ ist eines der grundlegenden Kalter-Krieg-Narrative, wirkungsmächtig und autoritativ. Dass bei einem hochauflösenden Autor auch die westliche Seite nicht mit strahlend weißen Moralwerten ausgestattet ist, sollte klar sein – der ideologisch-ethische Wettstreit um eine bessere Welt gewinnt bei dem radikal-skeptischen le Carré der Westen nur hauchdünn, sozusagen ein „dennoch“ auf dem letzten Mikrometer. Aber darum geht es nur am Rande und nur insofern, als dass die Erzählstrategie le Carrés an der Stelle weiße und schwarze Figuren braucht, weil das textgenerierende Muster das Schachspiel ist: Zug und Gegenzug, Rochade, Finte – und am Ende Schachmatt. Klar auch, dass man dieses Spiel ohne Probleme ideologisch umpolen kann. Zumindest Julian Semjonov in den 1980ern hat das mit einigem Erfolg aus einer sowjetischen Position heraus getan, auch wenn die schon glasnost-entdogmatisiert war. Als das Schachbrett weltpolitisch nicht mehr funktionierte, war das für viele Menschen ein Grund, damit auch den „klassischen“ Polit-Thriller für erledigt zu erklären. Die Persistenz dieser Vorstellung von Polit-Thriller allerdings ist schon bemerkenswert. Und selbst in der Negation bleibt das Muster bestehen: Brian Freemantle oder Robert Littell haben sich hemmungslos darüber lustig gemacht, James Grady hat es erbarmungslos dekonstruiert, für Eric Ambler hat es nur eine Rolle gespielt, weil es seine Negativ-Folie wider Ian Fleming und Co. war. Oder das Muster wurde mehrdimensional – Olen Steinhauer hat die Chinesen ins Spiel gebracht und die arabische Welt und hat in einem Fall das Schachspiel auf ein Zwei-Personen-Stück reduziert („Der Anruf“) – schwarz und weiß sind dann keine moralischen Positionen mehr, sondern Zeichenoperationen, die das Spiel braucht. Ethisch-moralische Kategorien wären dann nur noch ideologischer Beifang, den man – je nach eigenem Standpunkt oder der ideologischen Grundentscheidung des Autors – beifällig oder kritisch oder letztlich neutral betrachten könnte. Ross Thomas hat in denjenigen seiner Romane, die einen geheimdienstlichen Background haben, die Schachmetapher von Zug und Gegenzug virtuos funktionalisiert, gerade da, wo Geheimdienste und Agenten die Rolle spielen, die sie seiner Meinung nach spielen sollen: als Figuren, die man leicht austricksen kann, wie das Artie Wu und Quincy Durant immer wieder vorführen. Kein Wunder also, dass manche Autoren einfach die Uhr zurückdrehen und heute Bücher über gestern schreiben, in denen das Schachspiel noch durch die „Weltordnung“ garantiert wird – Joseph Kanon macht das zum Beispiel sehr einleuchtend.

Aber an der Stelle muss man aufpassen: Denn die Schachspiel-Metapher funktioniert auch ohne „Polit“ und ohne „Spionage“.  Serialkiller versus Profiler, Cop versus Gangster – egal, Hauptsache, wir haben eine schwarze und eine weiße Partei.

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