Liebe Leserinnen, liebe Leser,

geben wir es zu, wir alle vermissen den Kalten Krieg. Wie einfach war die Sicht auf die Welt: West gegen Ost, Sozialismus gegen Kapitalismus. Und auf beiden Seiten nichts als bleiernes Bürokratendenken, wenn nicht gerade eine schillernde Gestalt die Welt rettete. Auch die Themen waren übersichtlich. Die atomare Gefahr, der Diebstahl von geheimen Rüstungsplänen, das Topthema überhaupt: der Maulwurf. Aus und vorbei. Eine Mauer schützt uns nicht länger vor der Roten Gefahr. Oder ist sie gegen die westliche Dekadenz errichtet worden? Heutzutage wird gebaut, um Illegale abzuschrecken. Es geht nicht mehr politische Konzepte. Wozu also noch spionieren? Um orientierungslos in die Wirtschaftsspionage loszuschwimmen? Die letzten bedrohlichen Felder aufzuspüren? Auf Stippvisite nach Nordkorea? Mit einem Kopfsprung nach Syrien? Der Spion ist heute ein Byte, eine künstliche Intelligenz, die Wahlkämpfe manipuliert. In dieser Ausgabe der Polar Gazette geht es also um die Welt an sich, und wie sie sich vor sich selbst schützt.

Thomas Wörtche spürt in seiner Kolumne George Smiley ist wieder da. Ein neuer Kalter Krieg, oder: Was soll uns das? den Figuren auf dem Schachbrett nach, haben sie sich verändert, spielen die Autoren neue Züge aus? In Die Wurzel des Polit-Thrillers in Ostfriesland enthüllt Carsten Germis die gleichbleibenden Maskeraden. Verwirrend ist die Welt sowieso, stellt Sonja Hartl in Die Unübersichtlichkeit der Welt fest und entdeckt die Egomanen, die sich nur für sich interessieren, ihr eigenes Überleben sichern. Die Story steuert diesen Monat Bernhard Jaumann bei. In Jalousie muss ein Privatermittler feststellen, dass nicht einmal mehr auf einen Auftraggeber Verlass ist.  Len Wanner spricht in diesem Monat mit Charles Cumming, über dessen Welt der Geheimdienste.

Also seien wir ehrlich, die Welt ist längst abfotografiert. Nach der Vermessung jedes Fleckens darauf nun die Katalogisierung der Bewohner. Hängen wir noch ein paar Kameras mehr auf, statten wir weitere Communities mit all unseren Geheimnissen aus. Der Feind sitzt nicht mehr im Osten. Der Westen fürchtet gerade um seine Demokratie und misstraut sich. Um uns zu schützen, sind wir zu Spionen der näheren Umgebung geworden. Ganz gegen den Trend, alles global sehen zu wollen. Wir brauchen keine Spione mehr, wir haben uns selbst angestellt.

Viel Spaß beim Lesen

Ihre

Polar Gazette