Das Buch ist Ihrer Tochter Janissia gewidmet. Kann ich danach fragen?

 

Wir haben unsere zweijährige Tochter im Jahr 2010 verloren. Die Literatur hat mir geholfen, das zu verkraften.

 

Auf derselben Seite zitieren Sie James Ellroy: „Die Toten gehören denen unter den Lebenden, die am obsessivsten nach ihnen verlangen.“ Können wir das als politisches Motto verstehen? Die Polizisten, von denen Sie schreiben, als diejenigen, die sich der Toten erinnern – und die einzigen, die wissen wollen, wer diesen Journalisten ermordet hat?

 

Mein Roman „African Tabloid“, wie „Libreville“ im Original heißt, ist inspiriert von James Ellroys „American Tabloid“ (Ein amerikanischer Thriller, 1995). Ich liebe diesen Autor wegen seines Stils und wie er die Geschichte und die Mythen Amerikas dekonstruiert, indem er Edgar J. Hoover und John F. Kennedy totemistisch überhöht. Das Zitat habe ich als Verbeugung vor ihm gewählt, aber auch zum Andenken an meine Tochter.

 

Wenn Sie über Libreville schreiben, dann schreiben Sie auch über seine Unterseite. So wie Balzac das über Paris getan hat? James Ellroy über Los Angeles, Ed McBain über New York, und Chester Himes auf eine andere Weise?

 

Ich liebe Städte. Nicht ihre Postkartengesichter, sondern eher ihre wuchernden Seiten. Diese verborgene Welt untersuche und beleuchte ich gern in meinen Romanen. In diesem Sinne kann man Libreville, das den Hintergrund meiner Bücher bildet, durchaus als eigenständigen Charakter verstehen.

Ich habe im Internet ein Zitat von Ihnen gefunden: „Das Leben in Afrika ist, wie jeden Tag in einem Kriminalroman zu sein. Deshalb bin ich Autor geworden.“ Wirklich? Sehen Sie das so?

 

Ich kann mich nicht erinnern, das je gesagt zu haben. Bitte verwenden Sie es nicht – nein, besser: Dementieren Sie solchen Unsinn.

 

Sie schreiben Kriminalromane, aber auch Sachbücher? Ist es in Ordnung, Sie einen „auteur de polars gabonais“ zu nennen, einen Autor gabunischer Kriminalromane? Und welche Art Bücher waren denn Ihre Titel „Les Hommes et le femmes d'Ali Bongo Ondimba“,„Léon Mba, père de la nomenklatura gabonaise“,  „Guerre de succession au Gabon: les prétendants“ und „Femmes de pouvoir du Gabon“ (Die Macht der Frauen in Gabun)?

 

Neben meinen Polizeiromanen schreibe ich politische Essays. Sie setzen die Themen fort, die ich in meinen Romanen verfolge. Und auch sie dienen mir dazu, die Gesellschaft zu verstehen, in der ich lebe.

 

Sie sind Generalsekretär der Schriftsteller-Gilde? Wie groß ist diese Literaturszene?

 

Ich bin nicht mehr Generalsekretär der l’Union des Ecrivains Gabonais (UDEG), war es aber mehr als zwei Jahre. Die Literatur Gabuns ist ziemlich jung und im Ausland wenig bekannt. Wir sind rund dreißig Autorinnen und Autoren, die Romane, Gedichte und Kurzgeschichten schreiben.

 

Und was war „Chants d'exil“, für das Sie als Herausgeber angegeben sind?

 

Bevor ich anfing, Kriminalromane zu schreiben, schrieb ich Gedichte. „Chants d'exil“ ist eine Gedichtsammlung.

 

Ich habe gelesen, dass Sie in nicht gerade üppigen Verhältnissen groß geworden sind. Stimmt das?

 

Ich bin in einem der größten Slums von Libreville aufgewachsen, allgemein bekannt als die "United States of Akébé“. Ich bin kein Gelehrter, ich habe nie studiert. Es war mein Appetit aufs Lesen, der mich zum Schreiben gebracht hat. Und damit geht es mir ziemlich gut.

 

Können Sie sich, was Libreville angeht, James Ellroy anschließen, der als sein Motto für „White Jazz“ einen Satz von Ross Macdonald zitiert: „Am Ende gehört er mir, der Ort meiner Geburt, und seine Sprache besitzt mich.“

 

Aber ja. Das kann ich schnurgerade von James Ellroy übernehmen. Mit Libreville habe ich die gleiche Liebesbeziehung wie mit der französischen Sprache.

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