„Der Ort meiner Geburt  gehört mir, seine Sprache besitzt mich“
Janis Otsiemi im Gespräch mit Alf Mayer  (Übersetzungen: Pierre Astier)

 

„Ein Chamäleon“ nennt Janis Otsiemi die Stadt, in der er lebt und schreibt. Libreville, die Hauptstadt von Gabun, hat etwa so viele Einwohner wie Dortmund, Essen oder Leipzig. Das dünn besiedelte und rohstoffreiche Land (Erdöl, Mangan, Gold, Uran und Holz) ist zwar so groß wie Deutschland minus Bayern, hat insgesamt aber nur die Bevölkerungszahl von Hamburg. Etwa 80 Prozent leben in extremer Armut. 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehen an die oberen zehn Prozent. Das Bildungssystem ist vergleichsweise gut, die Analphabetenrate liegt unter 18 Prozent. Wie in Kenia und im Kongo regiert der Sohn eines langjährigen Staatspräsidenten. Omar Bongo war mit 41 Dienstjahren und 193 Tagen einst der bis heute am längsten herrschende Staatschef in Afrika. „Libreville“ spielt in den letzten Wochen seiner Amtszeit. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) übrigens baut gerade für den Ölkonzern Shell und die Republik Gabun eine Straße in einer entlegenen Region des Landes.

Sein Kriminalroman „Libreville“ ist gerade auf Deutsch im Polar Verlag erschienen.

 

Es scheinen gerade schwierige Zeiten zu sein in Gabun. Das Land ist immer noch in Aufruhr über den Ausgang der Wahlen vom letzten August. Auch das Fußballereignis „Africa Cup“, das gerade ausgetragen wird, hilft da anscheinend nicht. „Düster und angespannt“ sei die Stimmung, schreiben die Zeitungen. Wir schlimm ist die Lage?

 

Gabun befindet sich seit 2009 in einer politischen Krise, seit damals der langjährige Präsident Omar Bongo im Juni dieses Jahres gestorben war. Was sich seither abspielt, ist der Kampf um seine Nachfolge zwischen Ali Bongo und dessen Widersachern. Die Wahlen von 2009 und 2016 waren von Unregelmäßigkeiten überschattet, sie wurden nie geklärt. Der „Africa Cup“ ist schlicht zu einer Geisel dieser Situation geworden.

 

„Libreville“ spielt kurz vor der Parlamentswahl von 2009, die damals den Sohn des früheren Präsidenten an die Macht gebracht hat. Im Buch tragen diese Politiker fiktionale Namen, und Sie weisen auch darauf hin, dass etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und tatsächlichen Begebenheiten rein zufällig sind. Gleichwohl beruhe alles auf Tatsachen. Wie nahe sind Sie an der Realität?

 

Präsident Omar Bongo starb 2009 in Barcelona, nachdem er mehr als 40 Jahre unser Land regiert hat. Diese Situation hat unser Land  in ein ungewisses Schicksal geworfen. Dynastien übrigens gibt es auch mit den Bushs in den USA, mit den Clintons. Ich wollte und will verstehen, was da bei uns Gabun passiert und habe in „Libreville“ all die politischen Akteure eingeführt, die in dieser Übergangsperiode eine Rolle spielen.

 

Könnte es gefährlich werden, in Gabun über gewisse Dinge zu schreiben?

 

Ich habe noch nie irgendwelche Probleme mit meinen Büchern gehabt, aber es ist immer gefährlich, in Gabun über das politische Leben zu schreiben. In vielen afrikanischen Staaten ist das so. Die Politiker haben sich ein gottgleiches Recht angewöhnt, für alle anderen zu sprechen, und sie lassen sich nicht gerne von anderen zu ihren Handlungen befragen.

 

Wer sind die Hauptakteure in Ihrem Land? Ist Gabun noch ein Ölland?

 

In den Nachwirkungen des Wahlsiegs von Ali Bongo, dem Sohn des früheren Präsidenten, ist die Regierungspartei zerbrochen. Einige der früheren Barone des Regimes füllen jetzt die Ränge der traditionellen Opposition. Ali Bongo hatte 2009 die Wahl gewonnen. Das gleiche Szenario hat sich jetzt 2016 wiederholt, wieder mit dem gleichen Resultat. Man kann Ali Bongo vieles vorwerfen, aber er hat die Wirtschaft Gabuns auf breitere Füße gestellt, denn unser Öl wird knapp(er). Frankreich ist nicht mehr unser einziger Hauptwirtschaftspartner. Heutzutage spielt China in den afrikanischen Volkswirtschaften eine größere Rolle. Das ist auch so in Gabun.

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