Tief in der linken deutschen Seele

von Carsten Germis

 

Was haben der Höhenflug des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten, Martin Schulz, in den aktuellen Wahlumfragen und der skandinavische Kriminalroman gemeinsam? Mehr als man denkt. Beide verdanken ihren außergewöhnlichen Erfolg derselben politisch-kulturellen, fortschrittlich-liberalen Grundströmung, die in Deutschland seit dem Siegeszug der 68er durch die staatlichen Institutionen den öffentlichen Diskurs im Lande dominieren. Beide sind moralisch, beide geben sich sozial und wollen die Interessen der Schwachen vertreten. Deswegen werden sie von vielen Deutschen geliebt.

 

Schulz macht unter den Politikern der ersten Reihe im Bundestagswahlkampf  das, weswegen der skandinavische Krimi in den Regalen deutscher Buchhandlungen seit Jahren in großen Stapeln angeboten wird und sich glänzend verkauft: Sie kritisieren die Auswüchse der kapitalistischen Ordnung in den westlichen Demokratien – aber sie stellen die Machtfrage im System nicht.  Sie vertreten in einfacher Sprache genau die Werte, die aufgeklärte, kulturell linksliberal denkende Menschen in Zeiten einer globalen und multikulturellen Welt teilen. Sie kritisieren die zerstörerische Wirkung des bürokratischen Wohlfahrtsstaats, sie wollen Nationalstaaten und Völker durch eine Weltgemeinschaft mit gleichen Werten (ihren Werten) ablösen, sie kritisieren schrankenlosen Konsum, Gier und Gewalt gegen Minderheiten und Schwache. Bei aller Kritik an den bestehenden Verhältnissen, bei allem Zorn über verbrecherische Eliten im Zeitalter der Globalisierung – der Skandinavienkrimi bleibt in seiner Kritik stets brav politisch korrekt.  Es gibt einen linken Biedermeier, der sich rebellisch gebärdet – dabei aber nicht mehr verstört, nicht mal ansatzweise die eigenen Werte in Frage stellt, sondern letztlich nur bestätigt, was man als gesellschaftskritischer Mensch ohnehin schon immer wusste.

 

Wohl in keinem anderen europäischen Land ist der Resonanzboden für diese Art von Kriminalromanen so groß wie in Deutschland. Zur politisch korrekten Gesellschaftskritik kommt neben der Düsternis skandinavischer Verbrechen der Reiz, den gerade für etatistische Deutsche das schwedische Volksheim als Gegenmodell hat. Da ist die romantische Bullerbü-Idylle, in der friedlich Elche grasen, die Familien vor ihren typisch rot-weißen Sommerhäusern Kaffee trinken und Kuchen essen, in der Ferne kreuzen Segelboote vor den Schären. Helden in dieser Welt sind Polizisten, die moralisch integer sind, aber gebrochen wie Henning Mankells melancholisch vor sich hin über die Welt sinnierender und kränkelnder Held Kurt Wallander. Idylle und politisch korrekte Gesellschaftskritik, dazu knorrige Ermittler mit privaten Problemen und in jüngster Zeit auch immer mehr selbstbewusste Frauen – irgendwie hat der skandinavische Krimi auch etwas Sozialkitschiges an sich.

 

Was könnte einen 68er mehr begeistern als dieses Zitat von Mankell?

 

            "Es gibt keine schlechten Menschen, nur schlechte Umstände."

 

Nichts beschreibt den skaninavischen Krimi besser als dieser Satz. Das Böse im Menschen ist gesellschaftlich gemacht, deswegen kann es sozialpolitisch geheilt werden. Dass es trotzdem nicht ohne Abgrenzung geht, zeigen die Fremdenfeinde, die Raffkes, die Kinderschänder. Sie sind die Bösen, die Täter – böse geworden in den Machtstrukturen der spätkapitalistischen Gesellschaft und doch in der Hierarchie der Opfer nicht existent.

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