Licht und Dunkel

von Thomas Wörtche

 

Jetzt geht das schon so seit den 1990er-Jahren. Die Skandinavien-Welle rollt und rollt, die nicht-skandinavischen nordischen Länder sind mit im Paket, bei Schlagworten sind Subtilitäten nicht so beliebt. Und seit damals kommt immer wieder die Frage auf, warum ausgerechnet skandinavische Crime Fiction so ein rasender Erfolg ist. Egal in welcher Darreichungsform, als Roman, als Film, als Serie. Und seit damals fällt mir keine vernünftige Antwort ein, besonders nicht, wenn man genauer hinschaut. Dass in der Kulinarik hin und wieder ein neuer Trend her muss, ist klar: Nach der Molekularküche mussten die geraspelten Wurzeln und rohen Gräser aus dem „Noma“ kommen, verstehe ich. Und das „Noma“ ist nun mal in Kopenhagen. Exzellente Jazzmusiker auch nach Jan Garbarek und Karin Krog – normal. Möbel und Design, können sie, keine Frage. Und Kriminalliteratur hatten sie natürlich auch schon länger. Denken wir mal kurz an Gunnar Staalesen oder an Dan Turrrèll. Und natürlich an Sjöwall/Wahlöö – die bei allem Erfolg und wegen der Tatsache, dass sie auch für den deutschen Soziokrimi als Blaupause dienten, keine Welle auslösen konnten. Das Duo war politisch, „kritisch“, aber meine Güte, das waren die Franzosen schon längst und die Italiener und zwischenzeitlich auch die Spanier. Die Lateinamerikaner sowieso. Politische Brits und Amis gab es zuhauf, seit Hammett ist der „kritische“ Kriminalroman ein Standard. Deswegen hat mir nie eingeleuchtet, warum „gesellschaftskritisch“ seit Mankell und Larsson ein Alleinstellungsmerkmal für Skandinavier sein soll. Dazu kommt die formale, ästhetische und literarische Biederkeit – verglichen mit den Franzosen und den Lateinamerikanern etwa. Da sind die (meisten) Skandinavier pointiert regressiv und haben, qua Erfolg, sogar ihren Anteil daran, dass das Genre seit ein paar Jahren regrediert. Zumindest bei den Titeln, die fetten Erfolg auf dem Markt haben. Wobei man das ja für das Genre im Allgemeinen feststellen kann: Je ästhetisch karger, je intellektuell limitierter, je formal retardierter – desto erfolgreicher. Schauen Sie mal auf die Bestseller-Liste. Aber dass avancierte Kriminalliteratur (meistens) ein Minderheiten-Programm ist und bleibt, ist keine originelle Feststellung. Und beileibe nicht auf skandinavische Krimis zu begrenzen, aber vielleicht liefert die ja – auf die Masse gesehen – genau die Mischung aus ästhetischer und intellektueller Barrierefreiheit und konsensualer Befindlichkeit (vulgo: Verstörungsfreiheit), die Marktgängigkeit eben ausmacht. Kritisch, aber im Rahmen, mit witzigen Momenten, aber ohne die Destruktionskraft der vis comica, letztlich sinnvoll gerundet, ohne allzu ätzende Reste und ohne toxische Folgeschäden. Noch da, wo Gräuel und Elend zur Sprache kommen, wohltemperiert, kein revolutionärer, sondern ein beruhigender Vorschein, dass vielleicht doch alles am Ende gut werden könnte. Aber das ist sowieso einer der neuralgischen Punkte von Kriminalliteratur und schon wieder nicht nur auf die Sortierung „skandinavisch“ zu begrenzen.

Bleiben die anderen, eher touristischen Erklärungsmuster: Der berühmte Einbruch des Verbrechens in die Idylle (Schonen), die grandiose Landschaft (wo denn, bei Larsson?), die Weite, der Himmel, das Licht, die Mücken? Naja …

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