Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

der Skandinavien-Krimi ist tot. Seien wir ehrlich. Er hat die Seiten gewechselt und versprüht seine Wirkung neuerdings im Fernsehen. Das Sozialdrama ist von deutschen Autoren so häufig abgekupfert worden, dass wir das Original nun belächeln. Auch in Wuppertal regnet’s. Im Allgäu soll es dieses Jahr sogar geschneit haben. Was ist also mit dem Hype, den viele Marketingabteilungen anstarren, als könne der Patient wiederbelebt werden? Stehen wir nur vor der nächsten Welle, die uns wieder ratlos mit der Frage zurücklässt, wie konnte es dazu kommen? Die Antwort, na ja, es ist halt ein Sehnsuchtsland und somit Urlaubsland und somit die passende Lektüre im Winter am Kamin, ist zu kurz gegriffen. So tiefe Temperaturen sind bei uns nicht mehr zu erwarten, als dass ein Blick aus dem Fenster genügt und wir sind fast schon in Norwegen. Wer heutzutage die Drehständer in den Supermärkten anwirft, dem schallt vom Fjord höchstens der Liebesroman als Masse entgegen. Zeit für die Gazette nachzufragen, wie ist das, wie war das, kommt da noch was aus dem Norden Europas?

Thomas Wörtche wehrt in „Licht und Dunkel“ die üblichen Erklärungsmuster ab. Idylle, grandiose Landschaft, Mücken? Gar die Melancholie oder doch die Übersetzungsförderung? In „Tief in der linken deutschen Seele“ entdeckt Carsten Germis die Verbindung zwischen dem Hype um einen Kanzlerkandidaten der SPD und der Sozialdramaromantik aus dem Norden. Während Sonja Hartl in „Der finnische Weg“ feststellt, dass sich in den letzten zehn Jahren die Produktion des finnischen Kriminalromans fast verdoppelt hat und von Polizisten ohne Weltschmerz bevölkert wird. Gut, dass Robert Rescue uns in seiner Story „Kontrollzwang“ an eine urdeutsche Eigenschaft erinnert. Die Interviews in dieser Ausgabe wurden mit Peter May und Janis Otsiemi geführt, der mit „Libreville“ zum ersten Mal auf Deutsch erscheint.

Je nachdem, wo wir uns in diesem Jahr in Deutschland aufhielten, in manchen Regionen fühlte es sich nicht nur nach Winter an, es sah auch so aus. Die Erderwärmung ist somit nicht daran schuld, dass es gerade mit dem Skandinavien-Krimi stockt. Vielleicht muss die Gesellschaft wieder depressiver werden, sodass wir die verstörende Melancholie erneut zu schätzen wissen.

 

Viel Spaß beim Lesen

Ihre

Polar Gazette