Der König ist tot, es lebe der König

von Wolfgang Franßen

Gangster … wie romantisch ist das denn? Gehört er nicht in die Zwanziger bis Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts? Hat er seinen letzten Atemzug mit Marlon Brando nicht ausgehaucht und lebt seitdem vom Charme der Nostalgie? Festgekettet an soziale wie politisch zerrüttete Verhältnisse hat sich die Welt nicht nur da draußen, auch im Genre gewandelt. Glauben wir Wikipedia, erwirtschaften Gangster ihren Lebensunterhalt durch kriminelle Handlungen. Also handelt es sich hierbei um ein Geschäftsmodell, das Miete und eine siebenköpfige Familie absichern soll. In dem Punkt hat sich nichts geändert.

Teilweise werden sie überhöht wie bei Brecht und als Spiegelbild einer Gesellschaft missbraucht, teils schlendern sie bar jeglicher Gerechtigkeit als Kleinkriminelle in einer Romanze daher. Der Gangster zur Adenauerzeit fuhr einen Opel Admiral und hatte sein Geschäft bereits mit dem Verschieben von Kaffee und Zigaretten in ein kleines Vermögen verwandelt. So mancher von ihnen strebte weniger nach Geld als nach Anerkennung.

Nichts hat den Gangster so populär gemacht wie die Pulp Magazine und Filme mit James Cagney oder Edward G. Robinson. Angeblich waren sie so populär, dass Hoover eigene Filme in Auftrag gab, die der Verherrlichung des Gangstertums etwas entgegensetzen sollten. Die Gangster waren beliebt. Der schnelle Aufstieg verlockend. Einen Raub hier, einen Raub da, eine Verfolgungsjagd à la Bonnie und Clyde, ein Massaker am Valentinstag.

Eigentlich hat Billy Wilder den Gangster zu Grabe getragen. So verstaubt und lächerlich gemacht wie in Manche mögen’s heiß war er plötzlich zum Auslaufmodell verkitscht. Auch wenn er in den Siebzigern, frühen Achtzigern als gebrochener Held eine Renaissance erlebte. Aber in den Anfangsjahren musste ein Eliot Ness her, um einen Al Capone in die Schranken zu verweisen. Mord war etwas, bei dem die Leichen in einem Kanal verschwanden oder in Beton gegossen wurden. Prostitution eher das Abbild eines arabischen Basars, statt an der Nadel hängend. Der Gangster war mainstreamfähig, weil aburteilbar. Er gab den Chor in der Großstadtoperette. Mitunter aufrichtig und Opfer der sozialen Verhältnisse. Was hätte ein Italiener frisch von der Überfahrt aus Europa in New York landend statt eines Obsthandels, Restaurants anders machen sollen, als die Mafia zu gründen, die sich als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Einwanderer geradezu anbot.

Dann kamen die Drogen, die Verlockung, noch schneller, noch reicher zu werden. Es galt plötzlich nicht mehr, die Familie zu schützen, sondern die Organisation. Nicht mehr einen Stadtteil zu verteidigen, sondern einen Staat zu erobern. Die früheren Gangster zogen sich in Schutzzonen zurück, gingen auf die Matratzen, aus denen sie so lange nicht vertrieben wurden, wie ihre kleine Armee bestehen blieb, die Korruptionspipeline in die Stadtverwaltung kein Leck aufwies. Landesweit sind solche Familien viel zu klein, um sich zu organisieren, zu wissen, wie sie die Kontakte zu Politik und Wirtschaft pflegten. Als Netzwerk ohne Internet. Banken überfallen, Entführungen, Erpressung passé. Joy to the people. Macht sie süchtig. Abhängig. Erobert die Straßenecke zurück. Der Nachschub über Mexiko steht. Gangster goes International.

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