Der Gangsterfilm ist tot

von Sonja Hartl

Der amerikanische Gangsterfilm scheint tot zu sein. In den vergangenen Jahren gab es mit „Gangster Squad“ (2013) einen Versuch, einen klassischen Gangsterfilm zu drehen, der gescheitert ist. Um ein gelungenes Werk zu finden, muss man schon ins Jahr 1997 zurückgehen, zu „L.A. Confidential“. Aber schon hier fällt auf, dass beide Filme – und man könnte den britischen „Legend“ noch mit hinzunehmen – in der Zeit zurückgehen, um von Gangstern zu erzählen. Dabei böte doch die Gegenwart ausreichend Verbrecher, über die man Filme drehen könnte. Allerdings fehlt ihnen die Aura romantischer Nostalgie.

Diese Verklärung der Gangster war allen Bemühungen des Hays Codes zum Trotz schon in den frühen Gangsterfilmen angelegt. Findet man erste Grundprinzipien schon im Western, hat Josef von Sternberg mit seinem Drama „Underworld“ den Gangster in die Stadt geholt. Die expressionistische Bildgestaltung zeigt das kriminelle Treiben auf den nächtlichen Straßen, Verfolgungsjagden, Banküberfälle und Feuergefechte – und den sehnsüchtigen Blick eines Gangsters auf das blinkende „The City is yours“-Werbeschild. Denn der Gangster ist im Film immer auch mit dem Mythos des sozialen Aufstiegs verbunden.

Maßgeblich für das Subgenre ist indes das Dreigestirn des US-amerikanischen Gangsterfilms: „Little Caesar“ (Mervyn Leroy, 1930), der als erster „echter“ Gangsterfilm zählt, „The Public Enemy“ (William Wellman, 1931) und „Scarface“ (Howard Hawkes, 1932). Sie erzählen jeweils die Geschichte eines kleinen, ehrgeizigen, gewissenlosen Kriminellen, der sich an die Spitze einer Gang mordet, betrügt und raubt, ehe ihn seine eigenen Defizite und Fehler zu Fall bringen. Deshalb ist er auf der einen Seite ein Volksheld, der von Zeitungen und „Menschen auf der Straße“ bewundert wird, er ist ein Aufsteiger, der aus sozial benachteiligten Elternhäusern stammt und mit Härte, Cleverness und Anstrengung erfolgreich ist. In dieser Hinsicht verkörpert der Gangster die korrumpierte Version des amerikanischen Traums. Auf der anderen Seite aber weichen die Gangster von der sozialen Norm ab, sie sind durch klare Defizite gekennzeichnet: Rico hat in „Little Caesar“ Komplexe wegen seiner Größe, Tom erscheint in „The Public Enemy“ als „schwarzes Schaf“ der Familie mit einem Soldatenbruder und Polizistenvater, und Antonio Camonte begehrt in „Scarface“ seine Schwester. Der Gangsterfilm interessiert sich immer auch für die Gründe einer kriminellen Karriere – und verortet sie oftmals in der Familie.

Diese drei Tonfilme bedeuteten den endgültigen Durchbruch für den Gangsterfilm, deshalb werden sie als „classic circle“ gesehen. Die quietschenden Reifen, die Schüsse der Maschinenpistolen schufen eine authentische Kulisse, das oftmals nur zu hörende Zusammenbrechen der von Kugeln Getroffenen ist ein wesentlicher Bestandteil zahlloser Gangsterfilme, hinzu kamen die Dialoge, die eine genauere Charakterisierung ermöglichten – und Sprechweisen legendär werden ließen. Im Jahr 1935 zeigte sich dann mit „G-Men“ (William Keighley) die enge Verbindung zwischen Gangster- und Polizeifilm – oftmals lässt sich kaum unterscheiden, wer moralisch besser handelt.

     weiterlesen