Kutscher ruft diese Zeit in seinen Kriminalromanen zurück, in der es noch die deftigen deutschen Kriminellen gab, die Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ entstiegen sein könnten. Berlin galt in den 1920er-Jahren als Hochburg der organisierten Kriminalität. Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war die Blütezeit der sogenannten „Ring- und Sparvereine“. Wer von deutschen Gangstern schreiben will, der kommt an den Ringvereinen nicht vorbei. Fritz Lang hat ihnen mit „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ ein Denkmal gesetzt. Zuhälterei, Glücksspiel, Rauschgifthandel und Schutzgelderpressung waren ihr Geschäft. Die Reviere waren abgesteckt, doch immer wieder gibt es auch unter den Gangstern Kämpfe – wie in Kutschers Krimis zwischen Marlows „Berolina“ und den „Nordpiraten“ aus dem Wedding und ihrem Chef Hermann Lapke, „ein Schweinehund der übelsten Sorte“.

Fritz Lang soll sich bei der Planung seines Films 1929 mit Muskel-Adolf, dem Chef des Ringvereins „Immertreu“ getroffen haben, um sich fachlichen Rat für das Drehbuch zu holen. Als Gegenleistung, heißt es, habe sich Lang verpflichtet, zwei Dutzend „Ringbrüder“ als Statisten zu engagieren. Sie achteten darauf, dass die Gangster im Film nicht arg zu schlecht wegkommen. Tatsächlich hat die Polizei die Ringvereine damals teilweise geduldet. Immerhin garantierten sie in der Unterwelt der Reichshauptstadt eine gewisse Ordnung. Ähnliche Strukturen finden sich in japanischen Städten bis heute zwischen Polizei und Yakuza – wie die Mafia in Japan genannt wird. Auch in „M“ sind es die Ganoven, die den Kindermörder am Ende überführen, der ganz Berlin in Atem hält. Sie machen das nicht aus hehren Motiven. Sie machen das, weil der hektische Fahndungsdruck der Polizei ihre Geschäfte stört. Auch hier bleibt Kutscher in seinen Kriminalromanen nahe an der Wirklichkeit. Der nicht unbedingt sympathische, bisweilen zwielichtige Rath steht in enger, in einer zwischen Hass und Bewunderung pendelnden Beziehung zu Marlow. Und beide profitieren von dieser Verbindung.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war die Blütezeit der mächtigen Ringvereine schnell vorbei. Die ersten Festnahmen im „nationalsozialistischen Kampf gegen das Berufsverbrechertum“ ordnete Heinrich Himmler, später Chef der deutschen Polizei, persönlich an. Viele Ringbrüder landeten als „Berufsverbrecher“ in den Konzentrationslagern der Nazis. In „Lunapark“, dem sechsten Band der auf acht Bände angelegten Reihe, spielt das eine wichtige Rolle. Lapkes „Nordpiraten“ überleben nach 1933, indem sie schlicht zu einem SA-Sturm werden. Schlimmer als vorher können sie so in ihren Berliner Revieren die brutale Gewalt und Kriminalität ausleben – nicht mehr als Ringverein, sondern als Hilfspolizei eines verbrecherischen Regimes. Nach dem sogenannten Röhm-Putsch im Juni 1934, in dem Hitler neben der SA-Führung die letzten Vertreter der verbliebenen konservativen Opposition um den früheren Reichskanzler Kurt von Schleicher ermorden ließ, zeigt Kutscher am Beispiel des fiktiven Marlow, wie Gangster auch in den neuen Zeiten überlebten. Feldjäger der SA werfen ihm den Nordpiratenchef Lapke in den Garten, „in der blutbesudelten und zerfetzten Uniform eines SA-Sturmführers“.

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