Immer treu

von Carsten Germis

 

Am Anfang stand ein Film, der bis heute Kult ist. Fritz Langs erster Tonfilm „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ hat Volker Kutscher auf die Idee zu seinen Kriminalromanen um Kriminalkommissar Gereon Rath gebracht. Das Berlin der Weimarer Zeit schien ihm der rechte Ort für spannende Geschichten zu sein. Eine Weltstadt im Rausch der „Goldenen 20er“, voller sozialer und politischer Spannungen. Das alles spielt vor der Folie einer lebendigen, jungen Demokratie unter Dauerbeschuss von extremen Parteien der Linken und der Rechten. Die Weltwirtschaftskrise, der Aufstieg der Nazis – Kutscher ist schon oft dafür gelobt worden, wie er das Berlin dieser Zeit in seinen Kriminalromanen lebendig werden lässt. Aber die Romane Kutschers haben noch eine andere, oft übersehene Qualität: In ihnen erweckt der Kölner Autor auch die Blütezeit der deutschen Gangster wieder zu neuem Leben. In der Reichshauptstadt Berlin waren die letzten Jahre der Weimarer Republik neben kultureller Blüte und sozialer Spannung auch die Zeit, in der die sogenannten Ringvereine die Unterwelt der Stadt beherrschten. Als Verbrecher mit Ehre wurden die „Ringbrüder“ schon damals manchmal romantisch verklärt. Mit Johann Marlow, hinter seinem Rücken oft einfach nur „Doktor M.“ genannt, gibt Kutscher seinem Helden, dem aus Köln nach Berlin strafversetzten Kommissar Gereon Rath, ein starkes, schillerndes Alter Ego an die Seite. Marlow – ist es Zufall oder eine Hommage an Raymond Chandlers hartgesottenen Detektiv Philipp Marlowe? – zieht schon in Raths von der Krimikritik gefeiertem ersten Fall „Der nasse Fisch“, der 1929 spielt, die Fäden. Im bislang letzten Band der Serie, „Lunapark“, mittlerweile ist das Jahr 1934 erreicht, sind Rath und Marlow noch enger aneinandergekettet. Marlow, nach außen hin Geschäftsmann, Chef des Ringvereins „Berolina“, hat Rath in der Hand. Rauschgift, illegale Nachtlokale und Spielhöllen, gute Kontakte zu den Eliten – der Gangster steht für alles, was die Ringvereine in Berlin damals ausmachte.

Die Rolle Marlows, die Schilderungen der dunklen Welt der Ringvereine kommen in den Besprechungen der Kriminalromane Kutschers oft zu kurz. Dabei entwickelt sich gerade der Gangsterboss Marlow immer stärker zum heimlichen Strippenzieher, zur zentralen Figur. Er steuert den Lauf der Geschichte aus dem Dunkeln, fast wirkt es bisweilen, als sei Rath nur eine Marionette in seiner Hand. Das Politische, die Zerstörung der Weimarer Demokratie, gesehen durch die Augen des konservativen und autoritär denkenden Polizisten Gereon Rath und seiner – nicht immer frei von Kitsch gezeichneten – emanzipierten, linksliberalen Gattin Charly, das Kutscher in allen Romanen der Reihe als erzählerischer Rahmen dient, lässt das Dunkle oft im Schatten verharren. Dabei ist gerade die Schilderung der Berliner Unterwelt, ihre enge Verknüpfung mit der politischen Kriminalität der SA oder des Rotfrontkämpferbunds, eine der großen Stärken der Kriminalromane Kutschers. Die Berliner Gangsterwelt dieser Zeit wird lebendig.

Die im Schatten Wandelnden haben immer die Sehnsucht nach dem Licht, schrieb der Schriftsteller Curt Moreck 1931 in seinem „Führer durch das lasterhafte Berlin“. Doch die im Licht Wandelnden sehnen sich nicht minder nach dem Schatten. Sie treibt die Sensationslust, der stille Wunsch, einen Blick zu tun in das andere Gesicht der Stadt. Darin gründet der Erfolg des Kriminalromans. Moreck – hinter dem Pseudonym verbarg sich der von Ernst Rowohlt 1912 verlegte Schriftsteller Konrad Haemmerling – kannte sie noch, die richtigen, deutschen Gangster dieser Epoche. In seinem Unterweltführer empfiehlt er, sich in den einschlägigen Bars auf preiswerte Speisen und Getränke zu beschränken und dazu erschauernd als Gratiszugabe die Atmosphäre zu genießen, „in der Unterweltsbrüder mit Gesichtern von Döblin´scher Prägung Schenkel an Schenkel mit uns sitzen …“

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