Stilles Wasser

von Zoë Beck

Wir wären gern diejenigen gewesen, die Silvanas Mutter fanden. Michael und ich kamen aber erst dazu, als man sie schon aus einem der Judenteiche gezogen hatte. Wenigstens sahen wir noch die Wagen der Feuerwehr und der Polizei. Und natürlich Reporter von der Presse. Wir standen und gafften und versuchten, so viel wie möglich zu erfahren. Und obwohl es uns niemand gesagt hatte, wussten wir alle, dass es Silvanas Mutter war, die man dort im Wasser gefunden hatte.

Thorsten war lange vor uns dagewesen. Seine Eltern wohnten in einem der Fachwerkhäuser in der St. Annenstraße, nur einen Steinwurf von den Judenteichen entfernt. Er war noch im Schlafanzug, als wir kamen, und behauptete, alles von Anfang an mitbekommen zu haben. Wie Barschel in der Badewanne hätte sie ausgesehen, sagte er, und machte es nach, indem er den Kopf auf die rechte Schulter sacken ließ und die Arme verdrehte, als hätte er Krämpfe. Wir taten unbeeindruckt, wie immer, wenn Thorsten seine albernen Horrorgeschichten erzählte, aber ich fragte mich in dem Moment natürlich, wie Silvanas Mutter wirklich ausgesehen hatte, als man sie im Teich fand. Ich hatte noch nie eine echte Leiche gesehen. Keiner von uns hatte das. Wir standen also weiter da und gafften, bis uns einfiel, dass wir längst zu spät für die erste Stunde waren. Thorsten wollte, dass wir auf ihn warteten. Unterwegs überlegten wir uns, was wir zu Herrn Schneider sagen würden. Wir konnten schlecht die Klassentür aufreißen und sagen, warum wir zu spät waren. Nicht, wenn Silvana im Unterricht saß. Ich machte den Vorschlag, ihn herauszuholen, vielleicht sogar über das Sekretariat ausrufen zu lassen, und Michael und Thorsten nickten, Michael, weil ihm nichts Besseres einfiel, Thorsten, weil seine Tante im Schulsekretariat arbeitete und er deshalb immer gute Karten hatte, wenn es darum ging, sein Zuspätkommen zu entschuldigen.

Wir trafen Cem auf dem Weg zum Sekretariat, weil er gerade vom Klo kam. Er ging immer während Deutsch aufs Klo, weil er Herrn Schneider nicht leiden konnte. Cem wollte mit ins Sekretariat, wir erzählten ihm unterwegs, dass Silvanas Mutter im Judenteich ertrunken war. Dann sagten wir Thorstens Tante, was passiert war, und sie griff sofort zum Mikrophon, um Herrn Schneider auszurufen. Thorstens Tante rief als Nächstes bei Silvana zu Hause an, aber da ging niemand ans Telefon. Es wurde kurz spekuliert, ob man ihren Vater über die Chemiefabrik anrufen sollte, Cem wusste die Nummer auswendig, weil sein Vater auch bei Oker Chemie arbeitete, aber dann meinte Herr Schneider, die Polizei müsste ihn längst informiert haben, und schließlich wurde entschieden, Silvana ins Sekretariat zu Thorstens Tante zu setzen, bis ihr Vater sie abholte. Wir drückten uns auf dem Flur herum, bis Herr Schneider mit Silvana zurückkam. Sie war blass und hatte Ringe unter den Augen. So sah sie in letzter Zeit immer aus, nicht erst, seit ihre Mutter vor einer Woche verschwunden war. Sie schaute uns nicht in die Augen, ihr Blick blieb auf den Boden gesenkt. Es war besser so. Michael, Thorsten und Cem glotzten mit offenen Mündern, und ich gab mit Sicherheit kein besseres Bild ab. Es sollte das letzte Mal sein, dass wir Silvana sahen. Erst hieß es, sie würde nach der Beerdigung zurückkommen. Dann hieß es, sie sei krank und komme nächste Woche. Übernächste Woche. Noch vor den Ferien, um ihr Zeugnis abzuholen. Aber sie kam nicht mehr zurück. Manche sagten, ihr Vater sei zurück nach Italien gegangen. Andere meinten, er sei in eine andere Stadt gezogen. Wir würden es niemals erfahren. So wie die Polizei niemals den Mörder von Silvanas Mutter finden würde. Sie suchten ihn vielleicht auch nicht richtig. Und uns fragten sie nicht.

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