On the sidewalks of New York

von Wolfgang Franßen

Angesichts des Zeitungssterbens ist es schwer vorstellbar, welche Wirkung Weegees Fotos zu seiner Zeit hatten.  Nicht nur dass er die schmutzigen Seiten New Yorks aufsuchte, seine Fotos waren anstößig, halbseiden, verrucht, aber randvoll mit Momenten, die die Schaulust bei den Zeitungslesern geradezu entfachte. Ein Toter auf dem Asphalt und der Polizist, der ihn erschossen hat, kniet direkt daneben. Eine Ehefrau, die zu ihrem ermordeten Mann will und nicht durchgelassen wird. Ihr Gesicht in einem Schrei zerrissen. Schaulustige am Rand, die die Mäuler aufsperren, weil sie so etwas noch nie gesehen haben und davon unbedingt ihren Nachbarn erzählen müssen. Weegee bekam sie alle. Auch jene, die den Kulturtod in der Oper bevorzugten, statt sich auf der die Hälse auszurecken. Er schoss seine Fotos frontal in die Gesichter hinein. Er zuckte nicht vor dem zurück, was er darin entdeckte. Dies kannte man zuvor nur von Chirurgen, die erst das Fleisch aufschlitzten und anschließend der Familie mitteilten, dass der Patient verstorben sei.

     „The classic instruduction to the secret Life of New York“ nannte die New York Times Book Review 1945 sein Buch „Naked City“, das später auch verfilmt wurde. Arthur Fellig, der eigentlich mit Vornamen Ascher hieß, befand sich da auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Er hatte sich über alle Gesetze, jegliche Moral der Pressefotografie hinweggesetzt und war vom Süßigkeitenverkäufer, zu einem von Selbstbewusstsein strotzenden, von den Boulevardzeitungen umgarnten Fotografen geworden. Er richtete seine Kamera dorthin, wo seine Kollegen zögerten und verkaufte die Aufnahmen  zu Höchstpreisen.

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