Gangster oder kleinkriminelle Lumpis?

von Thomas Wörtche

Irgendwie hat unsere Zeit etwas gegen Begriffe und Definitionen. Dass solche Dinger sinnvolle Werkzeuge für Erkenntnisgewinn sein können, scheint aus dem Bewusstsein gerutscht oder, schlimmer noch, nie wirklich in den Köpfen der Leute angekommen zu sein. Nicht schlimm, sagt der Anarchist in mir, in einer derart komplexen Welt kommen wir nicht unbedingt mit Sortieren, Abgrenzen und säuberlich Rubrizieren weiter. Zumal sich die Lebenswelt eigene Kategorien schafft: Was ein „Krimi“ ist oder ein „Thriller“ weiß jeder Amazon-Rezensent und jeder Amateur-Blogger. Dumm nur, dass „Lebenswelt“ auch nur ein Begriff ist, der zunehmend von den einfachen Botschaften des Marketings geformt ist. Und die ist an unterkomplexen, störungsfreien Labels interessiert, die den lammfrommen Konsumenten auch noch das erhabene Gefühl geben, „Bescheid zu wissen“.  Hat, wie auf vielen anderen Gebieten, auch in literaricis mit Realien wenig zu tun. Aber wen stören schon Realitäten? Reale Realitäten oder fiktionale Realitäten, das ist erstmal an der Stelle ziemlich wumpe.

So saßen neulich im tiefsten Wedding ein paar an der Polar Gazette beteiligte Menschen bei einem ziemlich sehr guten Türken, als die Idee aufkam, man sollte doch mal was über Gangster machen. „Gangster“ finde ich uninteressant, sagte einer dieser Menschen. Die sind doch nicht spannend. Kleine Loser. Huch, sagten drei andere, Gangster sind doch überhaupt die eher interessanteren Figuren, gerade verglichen mit den ganzen kriminalnarrativnotorischen Polizisten mit ihrem frommen Glauben an Recht und Gesetz, die sich durch sämtliche medialen Formen der crime fiction ziehen. Stimmt, sagte die Filmspezialistin, Gangster-Filme gehören schließlich zum Kerngeschäft. Naja, zumindest in den USA und im UK auch, und in Frankreich sowieso. Nach Lamm auf Feigen und nach ein paar Bier mehr wurde es unvermeidlich: Und bei uns? Gangsterromane? Hmmm …

Aber da geht´s ja schon los: Für Gangster gibt es bei uns kein Äquivalent, der Begriff „Berufsverbrecher“ ist seit Robert Heindls gleichnamigem und einflussreichen Buch von 1926 besetzt: Als Glied einer Argumentationskette und als „Selektionskriterium“ für Individuen, die von der Weimarer Republik direkt ins Dritte Reich führt.  Auch wenn heute Fernsehkommissare manchmal noch – ob naiv oder perfide – von „Berufsverbrechern“ brabbeln. Amis haben´s damit leichter: Ihre Gangster treten auf als natürliche Gegenspieler der Polizei, als Menschen, die in Strukturen der Organisierten Kriminalität arbeiten oder als freischaffende Kleinunternehmer. Ähnlich in Frankreich. Nicht zu diesem Typus gehören Serialkiller, Psycho- und Soziopathen. „Der Gangster als tragische Gestalt“, wie ihn der geschätzte Robert Warshow 1949 in seinem berühmten Aufsatz skizziert hat, war auch schon damals eher ein literarisch-moralisches Ideal, weil ihm laut Warshow, um das Tragische (im Wertekanon der Künste hierarchisch ziemlich top, weil angeblich nicht trivial oder banal) am Leben zu erhalten, das „Scheitern“ schon eingeschrieben war. Eine These, die nach Hammetts „Red Harvest“ von 1929 eigentlich nicht mehr zu halten ist. Letztendlich steckt dahinter der Kinderglaube, crime doesn´t pay. Und sei´s als utopisches Element. Man muss gar nicht die Menschheitsgeschichte bemühen (könnte man aber tun), um diese Sicht der Dinge zu widerlegen.

     weiterlesen