Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

die Sehnsucht ist groß. Wann begegnet uns der nächste große Gangster in einem Buch oder auf einer Leinwand, der gleich eine ganze Saga begründet? Die Serienmörder haben längst die Sammelalben erobert. Was zeichnete den Gangster früher aus, dass er sich zum Stammgast auf unseren Nachttischen aufschwang? Dass wir seinem Schicksal andächtig folgten und ihm die Verhaftung, aber nicht den Tod wünschten? Dass wir nicht genug von ihm bekommen konnten, wenn er so operettenhaft wie der Pate auftrat? Ist der Gangster tot, den Weg aller zu erfolgreicher gegangen und hat sich überlebt? Fragen, die sich die Gazette am Anfang des Jahres stellt. Braucht das Genre ein Idealbild oder verrottet im Genre der Gangster als Überbegriff in den Schubladen literaturwissenschaftlicher Auslegung?

Thomas Wörtche begibt sich in seiner Kolumne Gangster oder kleinkriminelle Lumpis? auf die Suche nach der Seele des Gangsters, der zu Deutsch gerne als Berufsverbrecher bezeichnet wird. Sonja Hartl stellt in Der Gangsterfilm ist tot fest, dass er auf der Leinwand zunehmend nur noch als Folie dient, um mit der Tradition zu brechen. Dem Gangstertum im Dritten Reich widmet sich Carsten Germis in Immer treu anhand von Volker Kutschers erfolgreichen Berlinromanen. Während in Der König ist tot, es lebe der König der Frage nachgegangen wird, ob nach dem Gangster, dem Dealer nun der Cyberkriminelle der wahre Gangster ist. Die Story Stilles Wasser kommt diesmal von Zoe Beck, die so freundlich war, uns zum dritten Mal eine Geschichte anzuvertrauen. Mit einem Interview, das Len Wanner mit Ray Banks führte, starten wir eine neue Reihe. Ganz nach dem Motto: Fragen wir den Autor doch ganz direkt. Ray Banks weiß eine Menge über Gangster zu sagen.

Gibt es ihn also überhaupt noch? Den Gangster, der durch sein reines Dasein eine ganze Epoche verkörperte? Oder war er wirklich immer nur der kleine Dieb, der um die Ecke einen Überfall auf eine Filiale plante, weil er von der ersten Million träumte? Im Noir hat er seine Spuren ebenso hinterlassen wie im popcornbetriebenen Mainstream. Er kam zumeist ohne Explosionen aus. Mal war er bauernschlau, mal strohdumm. Er richtete die Waffe auf einen Bankangestellten und traute sich zu, sein Leben zu riskieren, um das seiner Lieben zu verbessern. So viel Optimismus gibt es selten im Genre. Und deshalb hängen wir jetzt einen Steckbrief nach ihm aus.

 

Viel Spaß beim Lesen

Ihre

Polar Gazette