Wir Loser!

von Thomas Wörtche

Hektor und Achilles, Richard III. und Macbeth – erst geht alles gut, aber am Ende: Loser. Fallhöhe, ich weiß, aber letztendlich … Und weil das Leben unweigerlich zum Tode führt, sind wir alle Loser. Ein paar haben´s aber vorher schon schwer, schlimme Kindheit, schlimme Verhältnisse, eine körperliche Versehrtheit, Wahnsinn, nix auf die Kette gekriegt: Loser. Der kleine Dicke aus der Schule, unsportlich, nix mit Mädels: Loser. „Loser“ war oder ist immer noch auf dem Schulhof eine üble Beschimpfung, gerne in der Kombination mit „Opfer“. „Loser“ wird auch im Erwachsenenalter benutzt, um die Konkurrenz niederzubügeln. Kein Loser zu sein, stützt das eigene Selbstbewusstsein. Vermutlich, weil es sonst nichts anderes hat, auf das es sich stützen könnte. Lieben wir deshalb Loser, weil wir ahnen, dass wir alle selbst welche sind oder ganz schnell sein könnten? Weil Loser ja auch cool sind und sympathisch, cf. The Big Lebowski. Also keine Herausforderung für uns, keine Konkurrenz. Der kriminalliterarisch notorische Typus Loser ist ja der, der es am Ende beinahe geschafft hätte. Oder der mit einem Knall untergeht. Der rührt romantische Gefühle an. Und vielleicht verstehen wir die zarte Hinneigung zu ihm als Ausweis für unser besseres Menschsein, weil wir damit demonstrativ nicht mit der Macht sympathisieren, sondern mit der Ohnmacht. Das hebt moralisch schwer. Auf der Seite derer zu stehen, die nichts zu verlieren haben, ist nobel und schön. Und, soweit wir uns im fiktionalen Raum bewegen, erfreulich risikofrei und kosten tut´s auch nichts.

Ausgerechnet die Kriminalliteratur ist eine besondere Art der Loser-Literatur. Allerdings nicht in ihren breitenkompatiblen Ausprägungen. In der Abteilung Beliebtheitswerte und Abverkauf waren und sind es (womöglich immer mehr) die Gewinner-Typen. Fürs Ablosen gibt es keinen Blumentopf. Die genialen Ermittler, die den Täter kriegen, sind die Winner. Und ein paar Mörder, die man ganz entzückend findet: Tom Ripley oder Hannibal Lecter. Und natürlich ein paar Loser, die immer wieder durchkommen, wie Westlakes Dortmunder. Die dann so gesehen auch keine richtigen Loser sind. Überhaupt interessiert sich das ganz breite Publikum doch eher für die Täter. Deren Opfer, im Falle der Serialkiller-Romane meist weiblich, werden nett gequält, geschändet und massakriert, und kommen, wenn sie diese ihre Schuldigkeit getan haben, dann schnell weg, während wir meistens im Verlauf der Handlung einer liebevollen Betrachtung des Täters folgen dürfen. Rein prozentual, vom Erzählvolumen her. Der hatte meistens, siehe oben, eine schlimme Kindheit, musste in schlimmen Verhältnissen leben, hatte es echt nicht leicht, ist gar traumatisiert. Also ein Loser. Aber ein Loser, den wir nicht mögen, den wir aber als Folie brauchen, um einen Winner noch besser finden zu können: den, der den Loser zur Strecke bringt, auf dass der letztendlich final auf dem Platz landet, der Losern zusteht. Wenn aber zum Beispiel eine Autorin wie Candice Fox dieses Millimeterpapier der Gewissheiten ein bisschen verschiebt, herrscht Verwirrung. Besonders unter identifikatorischen Leserinnern und Lesern, deren Weltbild vom mag ich/mag ich nicht-Algorithmus geprägt ist.

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