Alle, die ihn nicht kannten

von  Matthias Wittekindt

Für all jene, die ihm zusahen, für jene, denen er mehr auffiel als sie selbst wussten.

    Für die war er zunächst nur einer von vielen. Er sei von Süden gekommen …

    ‘Wahrscheinlich über die Warschauer Brücke.’

    Ein wolkenloser Himmel. Es ist noch mal richtig warm geworden, nachdem es bereits einige Tage herbstlich frisch war.

    ‘Kennt ihr seinen Namen? ’

    ‘Nein. Was ist mit euch?’

    Eine Gruppe junger Männer, sie sitzen auf einem Block aus Beton, teilweise beschattet von einer Platane. Der eben sprach, wendet jetzt den Kopf nach links, fordert seine Freunde ein zweites Mal auf:

    ‘Jetzt sagt schon. Der Mann macht hier nur seine Arbeit. ’  

    ‘Kennen?’

    ‘Nein, aber er war öfter hier. Mit seinem Brett.’

    ‘Hat einer von euch mal mit ihm gesprochen?’

    ‘Das war keiner, den man anspricht.’

    ‘Aber zu dem Mädchen hat er sich zweimal gesetzt. Die saß manchmal da vorne auf der Bank.’

    Aufkommende Gedanken ersterben. Aber in den Köpfen dieser jungen Zeugen, die eigentlich nichts bemerkt haben, geschieht etwas Ungehöriges. Etwas, das auch anständigen Menschen passieren kann.

    ‘Könnt ihr mir das Mädchen ein bisschen beschreiben?’

    ‘Klein war die, vielleicht 1,60. Ganz hübsch. Blau gefärbte Haare, so ungefähr bis hier, bis zur Schulter. Sehr weiße Haut. Und auf der einen Seite komplett ausrasiert.’

    ‘Wie alt?’

    ‘Zwanzig. Machte aber auf Mädchen, also auf jünger.’

    Einige Menschen sind stehengeblieben, doch es wäre übertrieben zu sagen, der Mann, der die Fragen stellt, und seine jungen Zeugen seien umringt. Was gesagt werden kann: Die jungen Männer, die bereitwillig Auskunft geben, sitzen sehr gerade, einer von ihnen trägt einen gut geschnittenen Bart, dazu präzis definierte Koteletten, zwei in weißen Herrenhemden, frisch gebügelt, der vierte sitzt im Schatten der Platane. Was ebenfalls festgestellt werden kann: Keiner von ihnen hält eine Bierflasche in der Hand, keiner von ihnen raucht, keiner spricht Dialekt und keiner fällt dadurch auf, dass er sich speziell ausdrückt. Es sind vier, die öfter hier sitzen, weil sie seit einigen Monaten in Friedrichshain leben, vier junge Männer, die etwas Universelles haben. Man kann kaum Schlüsse ziehen aus ihrem Aussehen, ihren Worten, ihrem Verhalten.

    ‘Ich habe mal gehört, dass sie eine Professionelle ist.’

    ‘Stimmt, das hat dieser Jo neulich auch gesagt. Und dass sie wohl manchmal schlecht drauf ist und einen demütigt.’

     ‘Das hat Jo so gesagt?’ Der Mann, der die Fragen stellt, steht so, dass sein Gesicht vollkommen beschattet ist. Auffällig an ihm ist nur sein Kinn, das aussieht als habe er es vorgeschoben.

    ‘Gedemütigt. Das Wort hat er wirklich benutzt?’

    Der mit den Koteletten und dem Bart faltet die Hände. Er hat sich zu weit vorgewagt, braucht jetzt Unterstützung: ‘Hat dieser Jo das gesagt oder war das der mit dem Brett?’

    ‘Der mit dem Brett, der hat sich ja auch neben sie gesetzt. Und ich glaube, das gefiel ihr gar nicht.’

    Ein Motorrad, sehr laut. Eine Frau mit Kinderwagen, in Eile. Sie richtet, während sie schiebt, die Decke über ihrem Kind ein wenig.

    ‘Wie heißt dieser Jo mit ganzem Namen?’

    ‘Weiß ich nicht. Du?’

    ‘Nein.’  Kleine Pause, dann nachgesetzt: ‘Tut mir leid, wenn ich eben was Falsches gesagt habe.’ Der junge Mann mit den präzis definierten Koteletten meint es so, das sieht man. Sie alle blicken nach oben, denn der Mann, der sie vernimmt, steht, während sie sitzen.

    ‘Ihr sagt immer Jo. Hieß er vielleicht Joe?’

    ‘Kann sein, aber er hat seinen Namen so ausgesprochen. Vielleicht meint er, er sei ein Schwarzer.’

    Kein Lachen, nicht mal ein Lächeln, sie sind konzentriert. Und einer von ihnen hat noch immer seine Hände gefaltet, wie zum Gebet. Das Arrangement, der Blick der vier, der nach schräg oben geht, die gefalteten Hände. Das alles hat etwas von dem Werk eines Bildhauers, wirkt beinahe unecht.

    Nun doch etwas Neugier, etwas Leben: ‘Hat die Polizei deshalb in der Revaler Straße abgesperrt? Ist ihr was passiert?’

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