„Noir als eine Tragödie der Arbeiterklasse“

Benjamin Whitmer im Gespräch mit Sonja Hartl

Für diejenigen, die „Nach mir die Nacht“ nicht kennen, wie würden Sie das Buch beschreiben?

Ich sehe es als meinen Versuch eines modernen Westerns. Wie Peckinpahs „Pat Garrett and Billy the Kid“. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine gute Beschreibung ist, aber es ist diejenige, die für mich funktioniert. Ich bin ein großer Western-Fan und deshalb mochte ich die Vorstellung, meinen eigenen über moderne Outlaws zu schreiben. Natürlich ist es dann etwas völlig anderes geworden, aber das passiert immer. Was ich denke, was ich schreibe, ist niemals das, was ich tatsächlich schreibe.

Wie ist denn die Idee zu „Nach mir die Nacht“ entstanden?

Aus verschiedenen Quellen. Die erste ist, dass mein Sohn kurz vorher geboren wurde und ich sehr viel darüber nachgedacht habe, wie Männer versagen, und dass es sehr gut möglich ist, dass ich ihn mit all den Mythen über Maskulinität verderbe, die ich geerbt habe. Die zweite war die zuvor erwähnte Idee eines modernen Westerns. Und dann habe ich einen Freund, der den Job macht, den auch die Hauptfigur Patterson hat, und ich konnte einige der Sachen, die er mir erzählt hat, nicht aus dem Kopf bekommen.

Die Hauptfigur Patterson Wells hat ihren Sohn verloren, ist in Trauer und arbeitet hauptsächlich in Katastrophengebieten. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Er ist ein Mann mit Fehlern, der versucht, das Beste aus dem zu machen, was er bekommt. Er hatte ein hartes Leben, arbeitet in einem harten Job und dadurch ist er wenig seltsam geworden. Er ist wie viele Menschen, die ich kenne. Wie ich bereits erwähnte, kommt seine Arbeit von einem Kumpel von mir, der diesen Job hat. Als er mich besuchte, fuhren wir viel in den Rocky Mountains herum, und er erzählte mir von seiner Arbeit. Je länger ich darüber nachdachte, desto besser schien mir dieser Beruf geeignet, über die Teile Amerikas zu erzählen, die zerstört und verlassen wurden.

Der Handlungsort ist sehr wichtig in dem Buch. Warum haben Sie diese Gegend ausgesucht?

Ich bin in einem Frühling in das San Luis Valley gefahren, um mit meinen Kindern dort zu campen und war hin und weg. Es ist eine atemberaubend schöne Gegend und eine, die noch nicht so mythologisiert wurde. Erwähnt man beispielsweise Monument Valley, denken alle an John Ford und John Wayne, dadurch ist die Gegend bereits mit Bildern aufgeladen. Das San Luis Valley ist ebenso im Westen, aber es ist nicht mit den Geschichten zahlreicher anderer belastet. Außerdem – und das ist vermutlich das Wichtigste – wusste ich, sollte ich dort meinen Roman spielen lassen, hätte ich eine Entschuldigung dafür, einige Jahre dorthin zum Campen und Wandern zu fahren. Was ich gemacht habe.

Es gibt in dem Buch sehr viele Beziehungen zwischen Vätern und ihren Söhnen.

Ich habe zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Ich bin alleinerziehend und versuche ständig herauszufinden, wie ich ein guter Vater sein kann. Deshalb mache ich immer den Witz, dass ich in meinem ersten Buch „Pike“ über die vielen Möglichkeiten schreibe, wie ich meine Tochter verderben kann, und diesem Buch über meinen Sohn. Daher glaube ich, dass mein Interesse an dem Thema zum Teil damit verbunden ist, dass ich ein Vater bin und darüber nachdenke. Außerdem glaube ich, dass es mir guttut, ein Buch über gescheiterte Maskulinität zu schreiben und wie sie vom Vater an den Sohn weitergegeben wird.

     weiterlesen