Gewiss muss man Lisbeth Salander in diesen Topf werfen, die tätowierte und gepiercte Punkerin, die in Stieg Larssons »Millenium«-Trilogie einen Rachefeldzug gegen ein System von korrupten Gerichtspsychiatern, vergewaltigende Betreuer und den schwedischen Geheimdienst antritt; die sich, trotz ihrer jungenhaften Gestalt und ihrer autarken, eigenwilligen, gewalttätigen Persönlichkeit, schnell zu Everybodys Darling der Leserschaft aufschwang. Salander, die Vorzeige-Rebellin des Mainstream.

     Sucht man weiter, wühlt in den Biographien der Protagonistinnen, muss man jedoch bald einsehen, dass die Existenz typischer Rebellinnen im Kriminalroman überraschend gering ist. Strahlende Heldinnen gibt es viele, aber wahre Rebellinnen sind die Ausnahme.

     Nehmen die männlichen Hauptfiguren nicht nur eine deutliche Vormachtstellung im Genre ein, so sind sie es auch, die meist die rebellierenden Querdenker stellen. Bei den weiblichen Hauptfiguren finden wir schöne, kluge, smarte, toughe, witzige, engagierte Charaktere, natürlich auch weniger schöne, eigenwillige, hartgesottene oder seltsame. Aber typische Rebellinnen?

     Was auffällt, ist die Häufigkeit der lesbischen Ermittlerinnen: Helen Black, Kate Delafield, Caitlin Reece und Carol Ashton, um nur einige zu nennen. Aber selbst diese Form der sexuellen Entfaltung ist in der Zeit, in der der Papst homosexuelle Priester duldet, längst keine Rebellion mehr. Die lesbischen Privatdetektivinnen oder Polizistinnen haben sich bestens etabliert, sorgen für einen frischen Wind.

     Wer hat es dann mitbekommen, das Rebellen-Gen? Vielleicht Sara Grans Claire deWitt, die »weltbeste Detektivin«? Natürlich: Sie ist cool, eigenwillig, verschroben, eine übermäßige Kokserin, esoterisch angehaucht, aber keine Rebellin. Und Tamara Hayle , die schwarze Expolizistin von Valerie Wilson Wesley? Die toughe, energische und warmherzige Privatdetektivin setzt sich in einer Männerdomäne durch, ermittelt im Brennpunkt einer Vorstadt. Aber ist sie deshalb eine Rebellin?

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