James Ellroy kokettiert gern mit seinen reaktionären politischen Anschauungen. Als Jugendlicher war er Mitglied der amerikanischen Nazi-Partei, den demokratischen Präsidenten Bill Clinton hat er verachtet, den republikanischen Präsidenten Ronald Reagan verehrt er bis heute. Wo sein Herz im Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton geschlagen hat, das lässt sich da gut vermuten. Die Figuren, die Ellroys Romane bevölkern, leben außerhalb der Grenzen konventioneller Moral der amerikanischen Mittelklasse. Sie sind aus dem Paradies vertriebene Romantiker, die sich unwohl fühlen in den aufgeklärt-liberalen Zeiten, seinen glänzenden Fassaden und der Gewalt und der Verrohung hinter den Mauern. Es sind Menschen, die einen großen Teil der Annehmlichkeiten des Lebens zurückgewiesen haben, um allein nach der Musik in ihren eigenen Köpfen zu tanzen. Der Preis dafür ist hoch, für die Kriminellen wie für Polizisten. Haben diese sich ewig als Verlierer fühlenden Figuren Größe? Für Lloyd Hopkins, der Anfang der 80er-Jahre noch die Unschuldigen beschützen will, mag das noch gelten. Auch für Bucky Bleichert. Aber für Dudley Smith, den Mann fürs Grobe beim LAPD? Das Unterscheidungsvermögen von Gut und Böse ist ihm schon lange verlorengegangen, dem Iren, „groß, breit wie ein Ochse und rotgesichtig“.

Ellroy und seine Figuren misstrauen den Autoritäten. Sie durchschauen die korrupten Strukturen. Sie rebellieren. Das sind klassische linke Positionen. Was Ellroy unterscheidet und was ihn andere Romane als Chandler, Connelly, Paretsky oder Mosley schreiben lässt, das ist sein konservatives Menschenbild. Warum Linke sich – bei aller Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft des Westens – noch ins liberale Koordinatennetz des Westens einordnen können, das ist der Glaube an die Aufklärung, an das Gute im Menschen und an den Fortschritt der Geschichte. Ellroys Anthropologie dagegen ist illusionslos. Seine Figuren sehen im Menschen ein ausgesprochenes Mängelwesen, das allein durch Institutionen abgestützt und in leiblichen und seelischen Beziehungen gebunden sein will. Für sie ist die liberale, kapitalistische Gesellschaft nur der ideale Pflanzboden für Mafiabünde jeder Art, für verbrecherische Gruppen, die hinter der Fassade des Rechts ihre trüben Geschäfte betreiben. Gut und Böse gibt es da nicht mehr. Ästhetische Stimmigkeit, humanistische Erklärung – Ellroy braucht das nicht, um die Gewalt in der Gesellschaft zu beschreiben. Wie Trump eben. Die Figuren in Ellroys Kriminalromanen leben in einer Welt  voller Gewalt, Mord und Verrat. Sie sehen in ihrem Alltag die Bilder der Hölle des niederländischen Renaissance-Malers Hieronymus Bosch. Hält ein Mensch das aus? „Wenn Du Zweifel hast“, sagt Ellroy, „schreibe eine Geschichte.“

Carsten Germis © 11/16

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