Diese Typen, ob es nun Dudley Smith oder Bucky Bleichert ist, Lee Blanchards oder eben Lloyd Hopkins, diese Figuren sind die reaktionären, rassistischen weißen Verlierer, die Donald Trump im amerikanischen Präsidentenwahlkampf angesprochen hat. Zu seiner ersten Trilogie, den L.A.-Noir-Romanen um den Bullen Lloyd Hopkins, hat Ellroy gesagt, er habe bewusst eine Figur schaffen wollen, der im Grunde ein Scheißkerl ist. Im ersten Band Blut auf dem Mond beschreibt Ellroy, wie Hopkins am Schreibtisch sitzt: „Er dachte an seine Anfänge vor siebzehn Jahren zurück, als er sich zum Beschützer der Unschuldigen gemacht hatte.“ Hopkins ist wie seine Nachfolger in den späteren Kriminalromanen Ellroys ein autoritärer Mann, ein Mann, dessen Leben persönlich aus den Fugen geraten ist. Fast alle Figuren des Schriftstellers arbeiten für das Los Angeles Police Department (LAPD). Sie erkennen nicht nur die korrupten Machtstrukturen der kulturell linksliberal geprägten, kapitalistischen, multikulturellen  Gesellschaft von Los Angeles und der Vereinigten Staaten. Sie müssen feststellen, dass sie selbst korrumpiert sind und ihre Erwartungen an sich selbst nicht erfüllen.

Und sie suchen nach Liebe und nach Erlösung. Nach starken Frauen. „Cherchez la femme, Bucky. Das ist das Geheimnis“, sagt Blanchard seinem Kollegen und Rivalen Bleichert in Black Dahlia. Mit diesem Roman schaffte Ellroy 1987 den Durchbruch. „Bleichert ist ganz und gar wie ich: Er ist ein Fackelträger. Er erträgt glühenden Schmerz und Zärtlichkeit und schert sich nicht darum, ob er verbrennt. Jemand ist draußen. Es ist eine Sie. Ich spüre, wie sie sich regt. Ich muss dieses Verbrechen aufklären, das Rätsel knacken und diesem Netz aus Sachverhalten meinen Stempel aufdrücken – damit sie mich liebt“, schreibt Ellroy in einem Nachwort zu seinem Roman. In seiner autobiographischen Schrift Der Hilliker-Fluch hat er sein eigenes Leben, seine Suche nach der Frau in einem Satz zusammengefasst: Alles in mir schrie: Liebe mich und rette mich und lass mich dich lieben und retten.

Das ist sie, die romantische Seite des Autors und der Ellroy‘schen Verlierer. Wohl kaum ein Autor ist so ein begnadeter Selbstverkäufer wie Ellroy, dessen Mutter ermordet worden ist, als er ein Kind war. Die Suche nach den Frauen, nach der eigenen Mutter, hat den heute 61-Jährigen nie losgelassen. Deswegen die Besessenheit; deswegen Black Dahlia, bei der der Mord an Elizabeth Short, die 1947 in einem Vorort von Los Angeles ermordet und grausam verstümmelt wurde, die Fakten lieferte. Über sie, sagt Ellroy, habe er sich dem Mord an seiner Mutter angenähert. Den Mord an Elizabeth Short, der in Amerika in den 40er-Jahren als The Black Dahlia eine traurige Berühmtheit erlangte, hat Ellroy zu seinem wohl besten Kriminalroman verdichtet. Wie dieser Fall drehen sich seine frühen Romane allesamt um gewalttätige Sexualmorde. Um gequälte weiße Männer, die für die unterschiedlichen Arme der amerikanischen Justiz arbeiten, die sich an die korrupten Strukturen anpassen und doch versuchen, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dafür prügeln sie, dafür morden sie sogar – nicht nur, weil es sein muss, sondern auch weil sie selbst die Lust an der Gewalt spüren.

Rodney Taveira hat in einem Beitrag für das in diesem Jahr erschienene Buch Antihero geschrieben, dass die Figuren, die bösen weißen Männer Ellroys, aus der Zeit gefallen seien. Sie sind reaktionär. Sie entspringen der Tradition amerikanischer Klagelieder, in denen die Werte der Vergangenheit gepriesen werden, die korrupte Gegenwart gegeißelt – und damit die gute alte Zeit zurückgewünscht wird. Damit wäre auch Ellroy aus der Zeit. Ist das so?

zurück weiterlesen