James Ellroy, Donald Trump und das weiße Pack

von Carsten Germis

James Ellroy und Donald Trump, zwei Brüder im Geist? Der Mann, der die Grenzen des amerikanischen Noir erweitert hat, und der populistische Krawallmacher sollen auf einer Seite stehen? Ja, das tun sie. Beide haben den weißen Verlierern des Westens eine Stimme gegeben. Was Trump als menschliche Handgranate der politischen Elite in Washington und der Wall Street entgegenschleudert, das könnten Ellroys Figuren von Fritz Brown aus seinem ersten Roman über Lloyd Hopkins bis hin zum irischen Ober-Fiesling Dudley Smith aus den Los Angeles-Krimis besser und brutaler sagen. Ellroys Helden sind die Rassisten, die Reaktionäre, die Fieslinge – sie sind das „Pack“ der aufgeklärten, liberalen Gesellschaft. Sie sind Verlierer, sie wissen darum, wie gewalttätig und korrupt Amerika hinter der schönen Fassade der Wohlanständigkeit ist. Ellroys Figuren sind die ständigen Rechner und Aufrechner, die einen Verlierer ausmachen. Das eigene Unvermögen; die eigenen Traumata; die Aggressionen, die immer wieder aufbrechen; der Hass auf das korrupte Establishment bestimmen ihr Leben. Bei Ellroy kommt die Rebellion der Verlierer von rechts. Das verbindet ihn mit Trump.

In einem Interview mit der Paris Review hat Ellroy einmal gesagt, Raymond Chandler habe in seinen Kriminalromanen über die Art von Männern geschrieben, wie er selber einer sein wollte. Dashiell Hammett dagegen schrieb über die, von denen er befürchtete, im Inneren genau so zu sein. Ganz bewusst setzt Ellroy seine Figuren deswegen von Heilsgestalten wie Chandlers Philip Marlowe ab. Chandler schrieb in seinem Essay über Die simple Kunst des Mordes "durch diese schäbigen Straßen" der korrupten Welt „muss ein Mann gehen, der selbst nicht schäbig ist, der eine reine Weste hat und keine Angst“. Ein Mann von Ehre eben, der aus Instinkt richtig handelt. Ob Michael Connellys Privatermittler Harry Bosch, der auf den Spuren von Marlowe in Los Angeles wandelt, ob Walter Mosleys Detektiv Easy Rawlins oder Sara Paretskys harte Heldin in Seidenstrümpfen, V.I Warshawski, alle diese Figuren folgen diesem Muster Chandlers. Einsame Wölfe in der korrupten, verdorbenen Welt, die instinktiv das Richtige tun.

Ellroy langweilt das. Seine Kriminalromane werden von richtigen Verlierern bevölkert. Sie sind reaktionär, sie sind rassistisch – der Autor verleiht ihnen diese Attribute eher beiläufig. Genau das macht sie glaubwürdig und gefährlich. Wie sehr sich Ellroy von Chandler absetzt, zeigt sich darin, dass er bewusst dessen Wendung aus Die simple Kunst des Mordes aufnimmt und sagt „durch diese schäbigen Straßen muss ein Mann gehen, der anders ist.“ Ellroy verachtet die institutionellen, rebellischen Geister, die einem billigen linken Liberalismus entspringen. „Es ist immer der Rebell. Es ist immer der private Detektiv, der gegen das System aufsteht“, sagt er und man sieht förmlich, wie er dabei gähnt. „Das interessiert mich nicht.“ Was Ellroy interessiert, sind die Speichellecker des Systems; die, die der Autorität in den Arsch kriechen und daran leiden. Für ihn ist die Geschichte der amerikanischen Kriminalliteratur des 20. Jahrhunderts die Geschichte von bösen weißen Männern. Von bösen weißen Männern, die in ihrem Herzen Romantiker geblieben sind, die von Frauen erlöst werden wollen, die ihre eigene Vorstellung von Gerechtigkeit haben.

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